Über die letzten zwei Jahre habe ich immer mal wieder Nachrichten und Emails bekommen, von Leser/innen, die sich erkundigt haben, wie es denn eigentlich unserem Oskar geht. Und die sich gewünscht haben, dass ich mal ein Update zu ihm schreibe.

 

Das Erste Schuljahr

 

Ich glaube der letzte Stand der Dinge, hier auf dem Blog, war, dass Oskar um Ostern herum des 1. Schuljahres dann endlich eine Schulbegleitung genehmigt bekam. In meinen Augen viel zu spät, da er bis dahin das erste Schuljahr quasi komplett verträumt hatte…aber wie man so schön sagt – besser spät als nie!

 

Anfänglich wurden nur etwa 10 Wochenstunden genehmigt, aber damit waren zumindest überwiegend die wichtigen Fächer abgedeckt.

 

Oskar nahm seine Schulbegleitung sehr positiv an und war sichtlich dankbar dafür, dass er nun Unterstützung an seiner Seite hatte. Seine Schulbegleitung war aber auch ein perfect match, da sie sehr ruhig aber auch sehr sensibel ist was Oskars Bedürfnisse angeht und proaktiv seine Schwierigkeiten angeht.

 

Ich hatte noch immer Schwierigkeiten Oskar morgens aus dem Bett zu holen. Und er war auch immer noch kein begeisterter Schulgänger. Aber immerhin hörte ich nicht mehr ständig, wie sehr er doch Schule hasse. Oder Sätze wie ‚Oder Mummy? Du liebst uns ja so sehr, dass, wenn Du könntest, dafür sorgen würdest dass ich den ganzen Schulstoff schon kann, damit ich nie mehr zur Schule muss, oder?‘

 

Die extreme Abneigung ließ tatsächlich nach. Insgesamt war Oskars Einstellung positiver, weil er merkte, dass man ihn und seine Bedürfnisse ernst nahm. Natürlich war nun nicht plötzlich alles rosig. Oskar verweigerte immer noch regelmäßig Arbeit. Besonders wenn Diktate und Rechentests anstanden, verweigerte er im ersten Anlauf erst einmal komplett die Teilnahme. Glücklicherweise bekam er aber immer einen zweiten Versuch, den er dann in der Regel ohne Ablenkung, nur mit seiner Schulbegleiterin, erledigen durfte.

 

Ich glaube ich hatte schon einmal geschrieben, dass Oskar ab Herbstferien der 1. Klasse den Hort seines ehemaligen Kindergartens besuchen durfte? Dort ging er auch sehr gerne hin, da es eine ihm bekannte Umgebung war und er auch die Kinder dort kannte – und die ihn. Was mich aber von Anfang an störte war, wie lange er dort immer an den Hausaufgaben saß, so dass er –meines Erachtens – viel zu wenig Zeit hatte zum Spielen. Trotz stark reduzierter Hausaufgaben. Immer und immer wieder sprach ich dies an und bat darum, eine Integrationskraft für Oskar zu beantragen, damit er auch tatsächlich die Möglichkeit hat, in die Gruppe integriert zu werden…denn so verbrachte er ja den Großteil des Nachmittags im Hausaufgabenraum. Doch die Antwort darauf habe ich in einen meiner Posts schon einmal erwähnt…‘Oskar muss nur lernen dass er sich selber schadet wenn er so lange für die Hausaufgaben braucht und sich selber dadurch Spielzeit raubt‘

 

Tja, wenn das Leben mal so einfach wäre, nicht wahr?!

 

Auffällig waren auch die Nachmittage, an denen Oskar Schulaufgaben zu Hause machen musste. Denn dies war quasi unmöglich. Die erste Voraussetzung war natürlich, dass ABSOLUTE RUHE herrschen musste. Gar nicht so einfach in unserem Haushalt! Aber auch dann war es sehr, sehr schwierig, Oskar überhaupt zum Arbeiten zu bewegen. Oskars Lehrerin wusste dies, gab in diesen Fällen auch immer bewusst wenig Aufgaben mit und hatte auch Verständnis wenn so gut wie nichts erledigt wurde. Ich versuchte dieses Problem mir immer zu erklären. Mit dem Hintergrund, dass Oskar ja nun auch Autist ist, fand ich es eigentlich auch recht logisch. Sein Zuhause ist für ihn kein ‚Lernort‘, zumindest keiner, in dem so offiziell gelernt und gelehrt wird. Sein Zuhause ist zum Spielen, Kuscheln und Reden da. Wie dem auch sei, Aufgaben zu Hause zu erledigen erforderten wirklich unglaublich viel Geduld und auch Selbstbeherrschung.

 

Aber irgendwie hatte ich immer das Gefühl, dass da noch mehr dahinter steckt.

 

Das Zweite Schuljahr

 

Das 2. Schuljahr begann recht unspektakulär für Oskar. Er hatte weiterhin seine ihm bekannte Schulbegleitung, mit leicht erhöhten Stunden. Mehr Aufmerksamkeit musste ich anfänglich für unseren Frederik aufbringen, der eingeschult worden war und plötzlich erhebliche Probleme entwickelte. Aber dazu vielleicht ein anderes Mal mehr.

 

Vielleicht habe ich auch einfach nicht früh genug gemerkt, wie negativ sich die Dinge für Oskar entwickelten, da ich so sehr mit den Brüdern beschäftigt war? Ich weiß es nicht.

 

Ich bemerkte schon vor Weihnachten, dass Oskar noch länger im Hort an den Hausaufgaben saß als sonst sowieso schon.

 

Ab dem zweiten Halbjahr verschlimmerte es sich jedoch noch einmal deutlich.

 

Frederik hatte ich zu dem Zeitpunkt schon aus dem Hort ziehen müssen, Oskar ging jedoch noch hin. Oberflächlich betrachtet ging er auch gerne hin. Doch irgendwann fing er an, mich in den Wahnsinn zu treiben. Warum? Er kam um 16.00 (selbständig) nach Hause. Ich machte ihm freudig die Tür auf und wurde begrüßt mit den Worten ‚darf ich zu x, y oder z zum Spielen gehen?!?!‘ Wenn ich ‚Nein‘ sagte (auch weil ich, ganz ehrlich, froh war, ihn endlich zu Hause zu haben), gab es Geschrei. Ohne Ende. DAS kannte ich so von ihm überhaupt nicht.
Und so ging es ungelogen jeden Tag. Er schien überhaupt keine Zeit zu Hause verbringen zu wollen.

Rückblickend betrachtet kann ich ihn sehr gut verstehen.

 

Dann fiel mir auf, dass, egal zu welcher Zeit ich ihn aus dem Hort abholen wolle – 14.30, 15.00 oder gar 16.00- es immer seltener vorkam, dass er am Spielen war. Stattdessen kam es immer häufiger vor, dass er noch immer (!) an den Hausaufgaben saß. Wenn ich ihn abholte, wurde ich von Kindern begrüßt die mir verkündeten dass Oskar NATÜRLICH IMMER NOCH bei den Hausaufgaben sei.

 

Irgendwann verstand ich auch den Zusammenhang davon, und seinem Bedürfnis, direkt zu anderen (egal wem!!) zu gehen sobald er zu Hause war. Denn – im Hort hatte er überhaupt keine Gelegenheit zu spielen!! Nach einem, für ihn sowieso schon anstrengenden Schultag, verbrachte er fast den gesamten Nachmittag an seinen (wenigen!) Hausaufgaben.

 

Breaking Point

 

Nach den Osterferien verschlechterte es sich noch einmal deutlich. Oskar verbrachte nun nicht mehr lediglich bis 16.00 im Hausaufgabenraum. Nein, er kam dennoch mit quasi nicht gemachten Hausaufgaben zu Hause an! Stattdessen durfte ich im Hausaufgabenheft Kommentare wie ‚hat andere Kinder mit lautem Summen gestört‘, oder ‚hat das Arbeiten verweigert‘ lesen.

 

Ich bat daraufhin mal wieder um Beantragung einer Integrationshilfe. Und sagte außerdem, dass Oskar von nun an ‚nur noch‘ bis 15.00 an den Hausaufgaben sitzen dürfe, damit er zumindest ein wenig Gelegenheit zum Spielen hat. Auch seiner Lehrerin erklärte ich, warum Oskar leider weiterhin mit nicht gemachten Hausaufgaben in die Schule kommen würde. Denn, dass ich nach einem Tag ohne Pause für einen 8-jährigen Kerl nicht darauf bestehen würde, abends noch Hausaufgaben zu machen ist, denke ich, nachvollziehbar.

 

Nun kam Oskar also immer noch mit nicht gemachten Hausaufgaben zu Hause an, aber immerhin hatte er ein kleines bisschen spielen können. Doch abends saß er total geknickt beim Abendessen. So niedergeschlagen habe ich unseren Oskar nie erlebt. Er erzählte, dass man bei den Hausaufgaben sehr ungeduldig sei. Und dass man ihm ein schlechtes Gewissen machte. Denn andere Kinder hätten gerne den Erzieher, der die vielen Stunden mit ihm verbringt, zum Spielen. Und Oskar fühlte sich einfach nur dumm und überflüssig.

 

Ich hatte absolutes Verständnis dafür, dass man ungeduldig wurde oder auch überfordert war – kannte ich die Situation doch sehr gut von zu Hause. Aber wofür ich so überhaupt kein Verständnis hatte war, dass man noch immer keinen Bedarf für Einzelunterstützung sah, und man es für in Ordnung befand, dass ein Zweitklässler den gesamten Nachmittag an seinen Hausaufgaben saß – und dabei noch nicht einmal seine reduzierten Hausaufgaben fertig bekam. Statt dessen sagte man meinem Kind, dass das eigentliche Problem ICH sei, weil ICH gesagt habe dass er nur noch bis 15.00 Hausaufgaben machen dürfe.
Mehrfach, auch in Gegenwart des Jugendamtes, sagte man mir tatsächlich, ich habe ihm einen Freibrief zum Faulsein gegeben, indem ich sagte dass er nur noch bis 15.00 Hausaufgaben machen dürfe…

Schlussstrich

 

Ich denke jeder Lesende wird verstehen, warum ich mich entschied, auch Oskar aus diesem Hort zu ziehen. Einige werden sich vielleicht sogar fragen, warum ich dies nicht schon viel früher getan haben. Ich inklusive. Aber die Antwort ist einfach – ich habe alles versucht dies zu verhindern, da 1. Oskar bis zu einem gewissen Punkt gerne in den Hort gegangen war, und 2. ich auch Zeit brauchte, um Organisatorisches etc für ihn und die anderen Kinder zu regeln. Ganz abgesehen davon gab es ja auch noch Julia – und wenn man mit Oskar Hausaufgaben machen muss, dann braucht man absolute Ruhe.

 

Auch nachdem ich Oskar nicht mehr in den Hort schickte, versuchte ich alles, damit sowohl Oskar und Frederik – unter den richtigen Gegebenheiten – wieder in den Hort schicken zu können. Es fanden Gespräche statt, auch mitsamt dem Jugendamt. Doch die Einstellung des Horts war klar:

  1. Es ist ok dass Oskar so viel länger für seine Hausaufgaben braucht als andere. Er muss nur lernen, dass…..(siehe oben)
  2. Ist es nur meine Schuld, dass er seine Hausaufgaben auch bis zum Schluss nicht mehr fertig bekam, denn ich habe ihm mit meiner Anweisung (‚nur noch‘ bis 15.00 an den Hausaufgaben zu sitzen) einen Freibrief zum Faulsein gegeben
  3. Man würde keine Abläufe an die Bedürfnisse unserer Kinder anpassen (zB Pausen zwischendurch), da sonst die anderen Kinder neidisch würden
  4. Man könne es nicht für ok befinden dass Hausaufgaben nicht vollständig oder ordentlich gemacht würden. Denn…was würden denn die anderen Eltern von ihrem Hort sonst denken.
  5. Wir hätten uns für diese Einrichtung entscheiden. Wenn wir also nicht mit deren Arbeitsweise einverstanden sein, dann mögen wir bitte unsere Kinder abmelden.

 

Natürlich stand für uns danach fest, dass weder Frederik noch Oskar jemals wieder diesen diskriminierenden, un-inklusiven Hort wieder betreten müssten. Nicht dass sie es gewollt hätten. Aber genauso stand fest, dass unsere Jüngst dort nicht im Kindergarten anfangen kann. Auch wenn sie, mit ihren 2,5 Jahren und 3 großen Brüdern, Kindergarten eigentlich gut hätte gebrauchen können…

 

Auch wenn ich mit dem Kindergarten dieser Einrichtung nie schlechte Erfahrungen gemacht hatte, so unterliegt doch alles derselben Leitung. Und diese Leitung stand 100%ig hinter dem, was sich im Hort abspielte. Zu groß war also meine Sorge, dass unsere Jüngste irgendwie etwas von den ‚Meinungsverschiedenheiten‘ abbekommen würde.

 

Nun ist Julia fast drei und immer noch zu Hause. Ich genieße meine Zeit mit ihr unglaublich, aber ich freue mich auch darauf, wenn sie die Möglichkeit haben wird mit Gleichaltrigen im Kindergarten zu spielen.

 

 

Die Zeit nach dem Hort

 

Oben hatte ich schon erwähnt, dass ich mir Gedanken machte, wie schwer sich Oskar mit Hausaufgaben tat – Autismus hin oder her. Auch fand ich immer sehr auffällig, wie häufig Oskar Bauchschmerzen hatte in der Schule – es ihm zu Hause aber immer blendend ging.

 

Nachdem ich Oskar Ende des 2. Schuljahres aus dem Hort genommen hatte, hatte ich (zum Glück) viel Zeit, ihn beim Arbeiten intensiv zu beobachten. Für mich war es innerhalb kürzester Zeit mehr als offensichtlich….und machte einen Termin im SPZ.

 

Etwa einen Monat später hatte ich die Bestätigung zu meiner Vermutung – Oskar hat eine gravierende Lese- und Rechtschreibstörung und dazu eine ausgeprägte Dyskalkulie. Kein Wunder also, dass dieses Kind Arbeit verweigert. Kein Wunder also, dass dieses Kind stundenlang vor einem Blatt Papier sitzt und nichts macht. Für ihn ist, im wahrsten Sinne des Wortes, alles Chinesisch.

 

Auch wenn ich es vorher schon gewusst hatte – als ich die Diagnose in meinen Händen hielt, da überkam mich tatsächlich Wut. 1,5 Jahre lang hatte ich Gespräche geführt, hatte versucht zu erklären warum Oskar Unterstützung bei den Hausaufgaben braucht. 1,5 Jahre lang hat man mir erklärt, dass alles so ok wäre,  er einfach nur lernen müsse dass er sich selber schade.

 

Nachwort

 

Nicht er (Oskar) hat sich geschadet. Dieser Hort hat ihm und seinem Selbstwertgefühl geschadet. Enorm. Seitdem ich Oskar aus dem Hort genommen habe, habe ich zwar – ungelogen – ab morgens 5.30 bis abends 20.00 keine Minute Pause, aber dafür habe ich meinen Oskar wieder. Ein Oskar, der Witze macht, gerne  bei und mit uns spielt, bereitwillig mit mir liest und – unbereitwillig – mit mir Hausaufgaben macht. Und, was für mich am allerwichtigsten ist, ich haben meinen Oskar wieder, der sich selber mag!

 

 

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