Danke an die Mama von Tims Klassenkameradin!

Hin und wieder liest man im Netz ja von kleinen Gesten, die eine wahnsinnig große Bedeutung haben. Ich bin in einigen online Selbsthilfe-und Info Gruppen, die sich mit dem Thema Autismus, Wahrnehmungsstörungen etc beschäftigen. Gerade erst neulich habe ich den Dankesbrief der Mutter eines autistischen Kindes gelesen, deren Sohn zwar schon immer zu Geburtstagsfeiern der Mitschüler eingeladen worden war (in England und den USA ist es ja viel üblicher als hier, dass die gesamte Klasse eingeladen wird), doch hingehen konnte er nie, da es einfach zu viel Stress bedeutet hätte. Und so wurde jede einzelne Einladung abgelehnt. Bis dieser Junge dann wieder eine Einladung mit nach Hause brachte, und diesmal hatten sich die Eltern tatsächlich mit den Schwierigkeiten des Jungens auseinander gesetzt und persönlich hinzugefügt, dass sie sich sehr über dessen Kommen freuen würden und es versuchen so stressfrei wie möglich für ihn zu gestalten – mit der Bitte auch eventuell Vorschläge zu machen, wie dies aussehen könnte. Wie bei vielen dieser Anekdoten konnte ich auch hier die Dankbarkeit der Mutter gut nachempfinden. Tim wird zwar nicht häufig zu Geburtstagen eingeladen, da bei uns tatsächlich eher kleine Feiern gegeben werden und er selten zu den Auserwählten gehört, doch auch bei einer recht kleinen Feier haben wir immer Angst ob und wie Tim dies bewältigen wird.

Nun habe ich doch tatsächlich selber eine ähnliche Geschichte zu erzählen!!! Tim ist ja nun seit den Osterferien nicht mehr in der Schule. Ich hatte schon von Tims Klassenlehrerin gehört, dass einige Kinder immer mal wieder nach Tim fragen, wo er denn sei, wann er wiederkäme usw. Und da die Kinder Tim wirklich toll akzeptiert hatten,  jeden Meltdown so schnell wieder verziehen und vergessen hatten, fand ich, dass ich es den Kindern (und deren Eltern) schuldig sei zu erklären wo Tim denn nun ist. Also setzte ich einen Brief auf in dem das Wichtigste stand, und auch mit dem Dank an alle, dass Tim in der Klasse so toll aufgenommen worden war. Diesen Brief gab ich dann an Tims Lehrerin, die ihn an alle Klassenkameraden ausgeteilt hat. Da sich Tim eine Abschiedsfeier in der Lautrer Gartenschau gewünscht hat, habe ich außerdem meine email Adresse angegeben mit der Bitte um Rückmeldung.

Vergangenes Wochenende, wir wollten gerade aus dem Haus, bekam ich dann eine Email von der Mutter einer Klassenkameradin. Und mir schossen tatsächlich Tränen in die Augen! Deren Tochter ist wirklich ein ganz, ganz süßes Mädchen. Zu Tims Geburtstag hatte sie ihm selber eine Karte gebastelt und reingeschrieben, dass sie ihn wirklich sehr mag und sie froh sei ihn als Freund zu haben 🙂 Nun ja, ihre Mutter hat also (bisher als einzige) auf meinen Brief reagiert, und somit auch auf die Nachricht, dass Tim in eine Klinik musste, und er nicht mehr an seine alte Schule zurückkehren wird.  Es war eine recht kurze Email, doch von so großer Bedeutung, dass man es gar nicht so leicht in Worte fassen kann.

Sie schrieb eigentlich nur, dass der Brief sie sehr berührt habe. Und dass ihre Tochter sich sehr gut mit Tim verstünde und ihn wirklich gerne habe. Und auch sie findet, dass Tim ein toller Junge ist. Sie wünschen Timmy alles Gute, und dass es ihm in seiner neuen Umgebung gut gehen wird, und bietet außerdem ihre Unterstützung an. Samt Handynummer.

Allein beim Niederschreiben bekomme ich wieder eine Gänsehaut und einen dicken Kloß im Hals. Was eine so kurze Email doch bewirken kann. Es wäre so leicht gewesen, meinen Brief zu lesen, zur Kenntnis zu nehmen und dann zur Seite zu legen. Doch diese Mama hat sich die Zeit genommen, uns allen alles Gute zu wünschen, und uns zu sagen, dass wir doch ein ganz tolles Kind haben.

Arschlochkinder und Arschlocheltern

Gerade heute habe ich einen Blogbeitrag einer anderen Mutter gesehen, der mich aufblicken und denken ließ ‘Moment, mag es hier genau der Blogpost sein, den ich überlegt hatte zu schreiben?!’ Der Titel?  Ich bin eine Arschlochmutter!

Wenn man bei Facebook Mütter- und Familienmagazine mit einem gefällt mir beschenkt hat, oder mit einer Seite für Familienblogger verlinkt ist, dann stößt man zur Zeit nämlich immer wieder auf Beiträge, die sich dann mit Arschlochkindern und Arschlocheltern befassen. Und das zu jeden Arschlochkind eben auch Arschlocheltern gehören. Ein Mal habe ich es mit tatsächlich angetan einen solchen Beitrag zu lesen, in der Hoffnung, dass es nicht darum geht was der Titel vermuten lässt. Bei fast allen Beispielen, die von diesen Arschlochkindern gegeben wurden, hätte ich unseren Tim sehen können, machmal auch Oskar. Und ich sah wieder die empörten Blicke anderer Mütter vor mir, wenn mein Kind mal wieder ein anderes Kind geschubst, getreten, mit Sand beschmissen oder laut angeschrien hatte. Oder wenn ich meinen Sohn laut kreischend und wild um sich schlagend/tretend/beißend vom Kindergartenspielplatz abholte und noch den Humor fand einer anderen Mutter – die ihr Kind rief und dann direkt Händchen-haltend und hüpfend Richtung Ausgang ging – augenzwinkernd zu sagen Ach, so einfach kann es also auch gehen?! Deren Reaktion? Vorwurfsvoller Blick und Abchecken meiner Person. Kurzer Blick auf mein Gesicht, dann auf den 1 1/2 jährigen Oskar an meiner Hand, dann weiter auf den neugeborenen Frederik im Tragetuch, wieder zu mir, nur um mir dann den hilfreichen Tip zu geben Man muss sein Kind halt erziehen. Wenn man es ruft muss es halt kommen’. Ach was war ich dankbar für diesen Kommentar. Auf den Gedanken, dass mein Kind unsagbar große Schwierigkeiten mit Übergängen von einer Situation zur nächsten hat, dass kam ihr nicht in den Sinn. Aber wie auch. Muss es auch nicht. Aber statt direkt zu urteilen hätte sie genauso gut fragen können was denn bei Tim das Problem sei. Warum er sich denn so wild verhalten würde. Und leider gibt es, auch heute noch, von diesen Begegnungen viele. Genannte Blogeinträge zeigen es ja auch deutlich. (Übrigens war die Tochter besagter Mutter eines der Kinder, die Tim das Leben in diesem Kindergarten zur Hölle gemacht hatten. Ganz schnell hatten sie heraus, dass Tim ganz hervorragend auf bestimmte Dinge reagiert, und hat es immer und immer wieder ausprobiert.)

Wenn es eine Sache gibt, über die ich tatsächlich immer mal wieder dankbar bin, die Diagnosen und einhergehenden Probleme unserer Kinder betreffend, dann ist es, dass ich selber viel mehr Verständnis für andere Menschen habe als vorher. Dass ich versuche nie zu urteilen, immer im Hinterkopf behalte, dass man nie weiss womit die anderen vielleicht gerade zu kämpfen haben, und dass oft die Dinge nicht ganz so simpel sind wie sie erscheinen.

Auch heute bekommen wir noch viele Blicke zugeworfen. Oder man wird lieber direkt ignoriert. Doch heute machen mir blöde Blicke oder Kommentare, oder auch das Ignoriert werden der neuen Nachbarn, nicht mehr so zu schaffen. Natürlich finde ich es schade. Aber ändern kann man andere Menschen eh nicht. Was auch der Grund ist, warum ich – trotz Zwicken und Zwackem in meinen Fingerchen – auf den einen gelesen Blogeintrag zum Thema Arschlchkindern keinen belehrenden Kommentar hinterlassen habe. Oder ein ‘Huhu, ich bin so eine Arschlochmutter von der du da schreibst!’ Mir reicht es inzwischen meist, wenn Ich weiss, dass wir Wert auf eine gute Erziehung unserer Kinder legen, auf gutes Benehmen und auch Tischmanieren achten, dass wir Zeit mit Ihnen verbringen und sie fördern und fordern wo möglich und/oder nötig. Ich weiss, dass wir nicht Schuld an dem schwierigen Verhalten und den Eigenheiten von Tim sind. Naja, so ganz unschuldig sind wir natürlich nicht, da wir ja schließlich unsere Gene weitergegeben haben 😉

Warum nicht mal hinter die Kulissen gucken?

Würden sich mehr Menschen die Mühe machen auch einmal hinter die Kulissen zu schauen, dann würden sie wahrscheinlich sehr schnell sehen, dass wir alles andere als Arschlocheltern sind. Oder würden Arschlocheltern alles, aber auch wirklich alles tun, damit es ihren Kindern gut geht. Auch wenn es oft bedeutet, dass es den Eltern selber ganz und gar nicht gut geht. Würde ein Arschlochvater freiwillig seinen Sohn drei Wochen lang in eine Klinik begleiten? Würden wir schlaflose Nächte damit verbringen uns zu überlegen, wie wir Tim helfen können, in was für einem Setting es ihm gut gehen könnte etc?

Wäre ich eine echte Arschlochmutter, dann wüsste unser Sohn noch heute nicht, warum er diese großen Schwierigkeiten mit seiner Umwelt hat. Denn als Arschlochmutter wäre ich sicher nicht hunderprozentig davon überzeugt gewesen, dass mein Kind eben kein Arschlochkind ist, sondern im Grunde ein kleiner Junge, dem es absolut nicht gut geht. Und dann hätte ich sicherlich nicht verschiedene Ärzte und Beratungsstellen mit dem damals 3 jährigen Tim aufgesucht, um herauszufinden, warum er solch große Schwierigkeiten hat. Genauso hätte ich sicher nicht freiwillig mein Kind, nachdem es aus der Schule genommen werden musste, von da ab zuhause behalten. Dennn ihr könnte mir glauben, wirklich spaßig ist es nicht, dass ich nun seit fast 3 Monaten diesen 8-jährigen ganztags bei mir zu Hause habe. Es ist extrem anstrengend und belastend. Genauso wenig würde ich auf meine eigene Karriere verzichten (ich bin ja schließlich nicht nur zum Spaß viele Jahre zur Uni gegangen), damit ich wirklich für meine Kinder, und insbesondere eben Tim,  da sein kann. Aber was macht man nicht alles als liebende Mutter!

Als ein echtes Arschlochkind würde es unserem Tim sicherlich nicht so schlecht gehen, weil er tiefunglücklich ist darüber, wie heftig seine Anfälle sind und wozu er dabei in der Lage ist. Wäre er wirklich ein Arschloch, dann würde er nicht traurig die Klinik verlassen, da er sein Ziel, nicht mehr so auszurasten, nicht erreicht hat. Gerade erst heute, nach einem schwierigen Abend, bat uns Tim ihm ein Buch zu besorgen, in dem er lesen kann wie er sein Verhalten verbessern könnte. Er wisse, dass es ihm nicht die ganze Arbeit abnehmen kann, aber wenn er dadurch ein, oder zwei oder drei Schritte weiter käme, dann sei das ja immerhin ein Anfang. Und das aus dem Munde eines 8-jährigen. Wie kann irgendjemand es wagen, dieses Kind als Arschlochkind zu bezeichnen?!?

Natürlich geht es in den Artikeln, die momentan herumgehen, nicht über unseren Tim. Aber es könnte! Denn niemand hinterfragt irgendwelche Verhaltensweisen. Niemand sieht die Not und die Verzweiflung der Eltern und Kinder, niemand die riesengroßen Sorgen der Eltern, was die Zukunft der Kinder betrifft, niemand die Einsamkeit und Traurigkeit der Kinder.

Und genau deswegen hat mich die Email dieser Mutter auch so bewegt. Viele schauen weg oder urteilen, doch diese Mama hat es geschafft mir zu zeigen, dass es auch anders geht. Dass sie und ihre Tochter  – die Tim ja nun in seinen schlimmsten Momenten miterlebt hat – über Tims Probleme hinweg sehen und den lieben Jungen sehen können, der sich manchmal leider sehr gut versteckt.

Wenn sich doch mehr Leute einfach die Zeit nehmen würden ein wenig genauer hinzusehen womit wir unsere Freizeit verbringen. Momentan ist es die Suche nach einer gegeigneten Schule für Tim. Bzw in erster Linie zunächst einmal erreichen, dass überhaupt der Antrag auf eine solche Beschulung überhaupt erst einmal eingereicht wird. Denn wir leben ja in Rheinland Pflaz, in dem Inklusion eines der Top Themen ist. Nun müssen wir es also schaffen zu beweisen, dass für unseren Sohn, zumindest momentan, Inklusion aber nicht das ist was er braucht oder was ihm gut tut….

Schaffen wir es, die richtigen Ansprechspersonen davon zu überzeugen? Obwohl diese sich auf fremde Berichte und Aussagen verlassen müssten, da sie Tim ja nicht mehr selber im schulischen Umfeld unter die Lupe nehmen können?

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