Danke, beschissenes System! Bald hast du es geschafft!

 

Ich denke der Titel lässt schon andeuten: ich bin total gefrustet. Und gestresst. Und fix und fertig. Und einfach komplett im Stich gelassen von unserem System!

 

Ja, Deutschland gilt im Ausland als DER Sozialstaat. HIER geht es den Menschen gut. HIER wollen wir hin. Aber was daran sozial ist, wie Kinder wie unser Tim, und wie unsere ganze Familie behandelt werden, das weiß ich wirklich nicht.

 

Natürlich, ich weiß, relativ gesehen geht es uns ja auch gut! Wir haben kein schweres Schicksal, haben ein gutes Zuhause, genug Essen, haben, Gott sei Dank, keinen Krieg in unserem Land. Aber ich bin dennoch einfach nur sauer und gefrustet, dass man uns so im Stich lässt, obwohl ich seit Tims Rückkehr mehrfach um Hilfe geschrien habe.

 

Es sollte doch wirklich das allerhöchste Ziel sein, dass Kinder in ihren Familien bleiben können, oder? Allemal in einer Familie wie unserer, in der es den Kindern wirklich gut geht. Warum also wird so wenig dafür getan um dafür zu sorgen, dass dies auch zu wuppen ist?

 

Denn, verdammt noch mal, es ist kein Zuckerschlecken! Es ist scheiß stressig, belastend, anstrengend, und manchmal würde ich am liebsten laufen. Ganz schnell, immer weiter, so weit weg wie möglich.

 

Warum ich das nicht tue ist offensichtlich:

 

1. Weil es hier nur so schwierig ist weil es unserem Tim schlecht geht. Und wer kann dafür sorgen dass es ihm besser geht, wenn nicht ich?!

2. Weil es zum Glück viele Persönchen gibt, die mich hier brauchen, und ohne die ich auch nicht leben mag.

 

Jeden Abend, bevor ich selber ins Bett gehe und noch einmal bei den Kindern reinschaue, bin ich froh, dass wir unseren Tim Zuhause haben. Besonders nach einem sehr schwierigen Tag! Denn die Vorstellung, dass Tim nach einem solchen Tag, von dem er ja selber emotional am Ende ist, dann auch noch irgendwo weit weg und ganz alleine einschlafen muss, ist einfach grausam.

 

Tim ist nun seit ca. 10 Wochen wieder Zuhause. 10 Wochen ohne JEGLICHE Unterstützung!!! Weder für mich noch für ihn! 10 Wochen Zuhause hocken, ohne Struktur und Aufgabe. Anfangs habe ich ihn noch dazu motivieren können, für mich Aufgaben zu übernehmen bzw. mir bei etwas zu helfen, mit mir auf Spaziergänge mit Julia und Charlie zu kommen etc. Doch je mehr Zeit verging ohne dass etwas passierte, desto mehr mutierte Tim zur Couch Potato. Alles wozu er Lust hat ist am Computer ‚arbeiten‘. Und PlayStation. Oder Tablet. Es ist wie eine Sucht. Oder eigentlich treffender: wie eine Flucht!

 

Schule

 

Eine Schule für Tim ist zwar gefunden. Er wird hier auf unsere zuständige Regelschule gehen, auf die auch Oskar, und bald auch Frederik, geht. Der Termin mit der Schulleitung fand praktisch direkt nach Tims Heimkehr statt.

Was Positiv ist, ist, dass Tim seit fast Anfang an an der Hochbegabtenförderung der Schule teilnehmen durfte. Positiv, weil er so zumindest einen Tag in der Woche hat, an dem er etwas im Kalender stehen hat, was NICHT von mir kommt.

 

Der Grund, warum er da teilnehmen darf ist, weil es kleine Lerngruppen sind und ein freier Lernstil, und Tim dies auch ohne die sonst dringend notwendige Integrationshilfe schafft. Positiv auch, weil er so schon ein paar Kinder aus seiner zukünftigen Klasse in recht entspanntem Rahmen kennen lernen kann.

 

Aber es reicht einfach nicht!!!

 

Ein Tag in der Woche, in der ich ihn vormittags für 2 Stunden und nachmittags für 1,5 Stunden zur Schule bringen – Tim bräuchte jeden Tag Schule! Aber das, wiederum, geht erst, wenn eine passende Ingtegrationskraft gefunden wurde. Und gerade bei einem Kind wie Tim ist das ‚passend‘ wirklich enorm wichtig, da es schon jemand sein muss, der erfahren, einfühlsam, flexibel aber auch robust ist.

 

Gegen unseren JA Mitarbeiter kann auch auch hier nicht wirklich beschweren. Ich bin mir sicher, dass er alles tut was er kann. So hat er Vereine kontaktiert, um eben eine passende Integrationskraft zu finden. Genauso hat er Termine organisiert, zu denen er mich dann auch begleitet hat, da ich auf der Suche nach etwas war, zu dem Tim zumindest an ein paar der Nachmittage gehen kann damit ich etwas verschnaufen kann. (Ein Termin davon war übrigens eine Katastrophe, ein anderer hingegen sehr vielversprechend! Aber darüber vielleicht ein anderes Mal mehr.)

 

10 verdammte Wochen

 

Aber trotzdem sind nun schon 10 Wochen vergangen, ohne dass ich auch nur einen Funken an Unterstützung in meinem Haushalt gesehen habe. Im Gegenteil. Zusätzlich zu dem täglichen Kampf wird mir noch zusätzlich Druck gemacht (nicht vom Jugendamt, um dies klar zu stellen).

Ich versuche auch alles, damit Tim so schnell wie möglich wieder in die Schule gehen kann. Auch, dass Tim zumindest hin und wieder etwas an Schulaufgaben erledigt. Aber wie in aller Welt soll ich denn, nebst aller anderen Aufgaben und Belastungen, mich wirklich intensiv darum kümmern, dass er nicht noch mehr hinterherhinkt? Es vergeht kaum ein Vormittag an dem ich keinen Termin habe. dazu habe ich noch 3 weitere Kinder, einen Hund, ein großes Haus, keine Putzfrau…..

 

Wie dem auch sei, es scheint unmöglich, Unterstützung zu bekommen. Auch wenn ich sehe, dass sich etwas bewegt (dh Termin mit JA, Integrationsteam und Schule steht nun, ein Platz in einer Gruppe für einige Nachmittage ist zumindest gegen Herbst evtl in Aussicht), so fühle ich mich und Tim doch enorm von unserem System im Stich gelassen.

 

Theoretisch stünden uns, mit Tims Pflegestufe, auch die zusätzlichen Betreuungsleistungen zu. Praktisch sieht es aber so auch, dass es niemanden Passendes gibt, der zu uns kommen könnte. Und so sammeln sich die Stunden an, ohne dass sie in Anspruch genommen werden können.

 

Tim hingegen wird immer unterforderter, gelangweilter, frustrierter und gestresster, was bedeutet dass sein Verhalten immer extremer wird. Wie oben erwähnt kann man ihn zu nichts und gar nichts mehr motivieren. Und ich kann ihn sogar sehr gut verstehen! Auch ich würde wahrscheinlich mit so großer Unterforderung in ein großes Loch fallen, und für einen Autisten ist diese Strukturlosigkeit und Ungewissheit natürlich absolutes Gift!

 

Das allerdings bedeutet auch, dass ich. Nicht. Mehr. Kann.

 

Seit Ende April haben wir nun immerhin ein Au Pair bei uns. Unorthodox wie wir sind ist es ein männliches Au Pair. Im Haushalt vielleicht nicht soooo die Unterstützung, doch ist scheint relativ robust und bleibt meist cool, auch in enorm schwierigen und herausfordernden Situationen. Doch man merkt, dass die Lust und Motivation schwindet.

 

Banal

Irgendwie klingt es so banal und einfach. Da ist ein autistisches Kind, das momentan noch nicht wieder zur Schule gehen kann. Deswegen braucht es stattdessen anderweitig eine von außen (sprich: nicht von mir und anfechtbare) Aufgabe und Struktur. Warum ist dies nicht möglich? Warum muss es sein, dass Tim 10 Wochen und länger zu Hause rumeiern muss? Warum wird von mir verlangt, dass ich all dies irgendwie alleine stemme?

 

Wie leicht wäre es doch aufzugeben. Tim abzugeben. Oder tatsächlich einfach wegzulaufen.

 

Doch das Ding ist ja:

 

Weder Tim noch wir sind das Problem! Das Problem ist das System und die fehlende Unterstützung!!!

Pin It on Pinterest

Share This