Der große Knall

Jetzt sind doch tatsächlich schon zwei Wochen vergangen seit meinem letzten Blogpost. Seitdem haben wir wichtige Entscheidungen treffen müssen, bzw sind noch immer dabei. Aber warum all dies? Was war passiert?

Schon die letzten Ferientage sagte Tim, er wolle nicht wieder in die Schule gehen. Dies ist allerdings nichts Außergewöhnliches bei ihm. Die ersten Ferientage hören wir immer, dass er unbedingt sofort wieder zur Schule möchte. Dann gewöhnt er sich an den neuen Zustand, und die letzten Ferientage möchte er unbedingt den neuen Zustand beibehalten. So ist der Schulanfang für ihn, und somit natürlich für uns, immer sehr schwierig und mit morgendllichem ‘Kampf’ verbunden.

Aber ich bin ehrlich und gebe zu, dass ich mich über den Schulanfang ein wenig freute. Endlich hatte ich den Vormittag wieder für mich (und Julia), konnte Termine wahrnehmen, einkaufen gehen etc. Denn für Tim bedeuten diese Dinge  – warten im Wartezimmer, in den Supermarkt gehen, die beiden anderen zum Kindergarten bringen – immer großen Stress.

Doch die Freude über meine wiedergewonnene Freiheit währte nicht lange. Kurz nach 13 Uhr bekam ich einen Anruf seiner Intergrationshilfe, dass sie nicht an Tim rankäme. Er sei seit fast einer Stunde am Toben und sei einfach nicht zu beruhigen. Letztlich hätte man ihn in den Gymnastikraum bringen müssen, da dort kein Mobiliar steht, damit er sich selbst und andere nicht weiter verletzten konnte. Im Hintergrund hörte ich meinen Sohn schreien.

Tag 1

Ich setzte mich also ins Auto und fuhr los um ihn abzuholen. Vor Ort wurde mir dann noch von der sichtlich mitgenommenen Integrationskraft eine kurze Zusammenfassung des Vormittags gegeben.

Für mich war es danach kaum verwunderlich, dass Tim große Schwierigkeiten gehabt hatte. Nicht nur musste er mit seinen normalen Schwierigkeiten bei  Wiederanfang der Schule kämpfen. Nein, nun war sogar noch seine Klassenlehrerin nicht da, sondern eine fremde Lehrerin übernahm den Tag. Zusätzlich wurde seine Integrationskraft von einer neuen Kollegin begleitet, die Tim in Zukunft auch mit betreuen sollte. Dies wurde Tim zwar vorher angekündigt, doch war es ja trotzdem für ihn eine neue Situation. Ja, und dann war es natürlich auch für Tim der erste Tag zurück in seiner Klassse, von der er nun wusste, dass sie nicht mehr lange seine Klasse bleiben würde. Es gab also wirklich eine Menge zu verdauen für den kleinen Kerl.

Dann wurde ich zu Tim in den Gymnastikraum geführt. Ich hörte ihn schon von Weitem. Es war ein schrecklicher Anblick ihn so zu sehen. Wie ein Friedensaktivist sich an Bäume/Schiffe etc kettet, so klammerte es sich an den Heizkörper – und schrie wie von Sinnen. Er wollte nicht nach Hause. Zum Glück entfernten sich die Integrationskräfte und ich begann ganz ruhig mit Tim zu reden. Anfangs wurde dies mit lautem Gekreische erwidert, doch langsam wurde er ruhiger, bis er sich schließlich seine Socken und Schuhe wieder anzog und ruhig mit mir nach Hause fuhr.

Der Rest des Nachmittags war recht unspektakulär. Tim machte sogar seine Hausaufgaben. Zwar brauchte er fast 1,5 Stunden, da er von allem abgelenkt wurde, aber er machte sie ohne dagegen anzukämpfen. Wir sprachen über den Vormittag, und ich hatte große Hoffnung, dass der nächste Tag nun wieder beser würde.

Tag 2

Tim selber ging mit den Worten ‘Ich möchte, dass heute ein guter Tag wird’ in die Schule. Und ich ging zum ersten Termin meines Rückbildungskurses. Auch wenn ich wirklich sehr hoffte, dass es tatsächlich ein guter Tag würde, nahm ich trotzdem vorsichtshalber mein Handy mit in den Kurs. Nur für den Fall…Aber es blieb ruhig. Also ging ich beruhigt nach Hause, kochte mir etwas zu Mittag, wollte die Ruhe gerade nutzen um Julia zu stillen, als mein Handy klingelte. Als ich die Nummer sah, sackte mein Herz in Richtung Bauch. Ja, es war wieder Tims Integrationshilfe.

Wie am Tag zuvor musste ich Tim wieder im Gymnastikraum einsammeln. Begrüßt wurde ich zunächst von seiner Integrationshilfe, die leider weiter zum nächsten Kind musste, mir aber vorher noch kurz eine Kurzzusammenfassung gab. Ich hörte alles, mir taten auch wirklich alle Kinder und Lehrkräfte, die Tritte und Schläge abbekommen hatten, leid, aber letztlich litt ich mit mit meinem Sohn, dem es ja offesichtlich gar nicht gut ging.

Auf dem Weg zur Schule hatte ich schon beschlossen, dass ich Tim für den Rest der Woche schon direkt nach Unterrichtsende um 12 Uhr abholen würde. Denn während der Unterrichtszeit schien er sich gut beherrschen zu können. Um dies direkt der Schulleiterin mitzuteilen, wollte ich kurz noch am Sekretariat vorbeischauen. Die Schulleiterin kam raus und begleitete mich zu Tim. Sie war sichtlich erleichtert, dass ich Tim die Woche früher holen würde, und sagte mir immer wieder, dass Tims Verhalten wirklich nicht tragbar sei. Eine Lehrerin habe einen deftigen Tritt gegen das Schienbein bekommen, eine andere eine Schlag mitten ins Gesicht, wie Tische und Stühle geworfen worden sein und eine Tür dadurch beschädigt worden war, und dass sie dieses Verhalten nicht tolerieren können und wollen.

Versteht mich bitte nicht falsch. Ich toleriere dieses Verhalten auch nicht. Ich finde es erschreckend und es macht mich traurig. Und es macht mir auch große Sorgen für die ZUkunft, denn er ist gerade mal 8 Jahre alt, entwickelt aber in diesen Momenten solch Kräfte, dass er tatsächlich Tische und Stühle schmeißen kann. Wie würde es denn nur sein wenn er erstmal älter ist!

Aber was mir absolut gefehlt hat war das Interesse, sich in mein tobendes Kind hinein zu versetzen. Wenn man bisher keinen anderen Tim dort erlebt hätte, dann hätte ich vielleicht nichts anderes erwartet. Aber alles was gesagt wurde bezog sich nur auf die Schule und ihre Angestellten. Mit keinem Wort wurde nachgefragt, wie man Tim vielleicht helfen könne, was vielleicht Auslöser gewesen sein könnten. Dies interessierte einfach nicht. Stattdessen wurde ich nebenbei gefragt wie Tim denn so mit seiner kleinen Schwester sei!

Am Gymnastikraum angekommen ging ich – unter Beobachtung der Schulleitung – auf mein Kind zu, das sich wieder verzweifelt und laut schreiend an dem Heizkörper festhielt. Wieder brauchte ich nicht lange, bis ich ihn beruhigt hatte. Ich merkte, wie die Schulleiterin sogar ein wenig erstaunt war wie ich es geschafft hatte, Tim sogar noch dazu zu bewegen, mit mir gemeinsam die umhergeschmissenes Teile aufzuheben.

Und so nahm ich einen ruhigen, müden und von sich selber maßlos enttäuschten Tim wieder mit nach Hause.

Tag 3

Guter Dinge traf ich mich an diesem Vormittag endlich mal wieder mit einer Freundin. Was tat es gut etwas rauszukommen! Und da ich ja heute schon nach Unterrichtsende abholen würde war ich auch zuversichtlich, dass mein Handy still bleiben würde. Pustekuchen. War leider nichts. Diesmal klingelte schon um kurz nach 10 Uhr das Handy. Und diesmal war es nicht die Integrationskraft sondern direkt die Schulleitung. Tim müsse sofort abgeholt werden. Ich war den Tränen nahe und wusste einfach nicht weiter.

Direkt nach dem Telefonat beschloss ich, Tim für den Rest der Woche Zuhause zu behalten, damit das Verhaltensmuster gebrochen werden konnte. Und wie konnte ich mein Kind in die Schule gehen lassen mit ständiger Angst, dass er wieder durch einen klitzekleinen Auslöser derart ausrasten würde. Dieses Mal wurde bei diesem Ausrasten übrigens eine Glassicherheitstür durchtreten. Und das, nachdem er von vier Erwachsenen zunächst fixiert werden musste, er seiner Integrationskraft Arme blutig gekratzte hatte, und er dann in einen Raum ohne Möbel – aber eben mit Glastür – gesperrt wurde während man uns anrief.

Dies war der Tag, an dem die Schulleiterin uns wissen ließ, dass Tim unbeschulbar sei. Und dies war der Tag an dem für mich klar war, dass etwas geschehen muss.  Vor dem Abholen hatte ich bereits beschlossen, Tim für den Rest der Woche Zuhause zu behalten. Nach dem Abholen stand für mich fest, dass Tim nicht mehr in diese Schule zurückkehren könne. Erst müsse einiges geschehen. Tim muss Hilfe bekommen. Er muss lernen, Dinge zu regeln ohne solch Gewaltsausbrüche an den Tag zu legen. Und er wird wahrscheinlich auch andere Medikamente brauchen, denn die aktuellen scheinen ihren Zweck nicht wirklich zu erfüllen. Aber auch wenn ich Tim in die Schule schicken wollte, so wäre es eh nicht möglich. Denn nach den drei Tagen ist seine Integrationskraft völlig unter Schock erst einmal arbeitsunfähig und bis auf weiteres krank geschrieben.

Wie kann aber Hilfe aussehen. Was können wir als Eltern tun, damit sowohl Tim geholfen wird, wir Eltern und auch Tims Geschwister aber nicht auf der Strecke bleiben?! Damit haben wir uns die vergangen zwei Wochen ununterbrochen beschäftigt! Ich kann nur sagen: leicht sind diese Entscheidungen nicht!!

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