Ankunft in Kaiserslautern – Aller Anfang ist schwer

 

Die Jungs schauen gespannt zu als die Umzugswagen in Kaiserslautern ankommen

Die Jungs schauen gespannt zu als die Umzugswagen in Kaiserslautern ankommen

Umzug2

 

 

 

 

 

 

 

Für mich war der Umzug sehr, sehr schwer. Ich habe nicht nur meine gewohnte Umgebung, mein geliebtes Lüneburg, alte und erste neue Freunde, und auch eine ganz tolle und liebevolle Kinderfrau verlassen müssen. Ich musste auch meine Mutter, die nicht mehr lange zu leben hatte, sowie meine Vater, den ich so auch nicht mehr psychisch unterstützen konnte, zurücklassen.

Und auch obwohl uns ein Kindergartenplatz für Tim zugesichert wurde, so würde auch der erst nach dem Sommer anfangen. Umgezogen sind wir aber schon Mitte Mai, da wir ein passendes Haus gefunden hatten – gar nicht so einfach mit drei Kindern ein Mietshaus zu finden, das genug Platz bietet und auch in einer Gegend liegt, in der wir uns vorstellen konnten unsere Kinder großzuziehen.

So hatte ich also gut drei Monate zu überbrücken. Alleine in einer fremden Stadt, mit drei kleinen Kindern. Es war wirklich nicht einfach. Sowohl Tim als auch Oskar – der High Functioning Autism hat – taten sich mit den Veränderungen sehr schwer. Dies zeigte sich mal wieder durch gravierende Verhaltensauffälligkeiten, extreme Wutausbrüche wegen allem und nichts, Unruhe, starkes Lautieren und viele Aggressionen. Ich kroch auf dem Zahnfleisch, wie man so schön sagt. Immerhin nahm Frederik, der damals gerade 9 Monate alt, wieder einmal alles hin wie das Wetter.

Auf der Suche nach Hilfe

Ich habe versucht Hilfe zu bekommen, hatte aber überhaupt keine Ahnung wo ich danach fragen sollte. In der nächsten Autismusambulanz wurde mir 1. gesagt, dass wir mindestens 1 Jahr auf den nächsten Termin warten müssten, und 2. dass wir dann die komplette Diagnostik noch einmal durchgehen müssten. Ich konnte es nicht glauben. Unsere Diagnose war kein Monat alt, und nun sollten wir dies alles noch einmal durchmachen müssen ehe wir überhaupt Hilfe bekommen? Und die emotionale Belastung des Diagnoseprozesses ist wirklich nicht zu unterschätzen! Und dann sollten wir auch noch ein volles Jahr warten?!

Meine Mutter, der es immer schlechter ging, hat mich schließlich schweren Herzens gebeten, ihr nichts mehr über meine Sorgen mit den Kindern zu erzählen. Dies muss ein unglaublich schwerer Schritt für sie gewesen sein, war sie doch immer, immer da für mich, hat mir Ratschläge gegeben oder einfach nur zugehört. Ich verstand sie aber. Sie musste sich auf sich selbst konzentrieren, versuchen, mit der eigenen Angst vor dem Sterben klarzukommen. Wenn sie sich dann auch noch ständig Sorgen um ihre Tochter hätten machen müssen, hätte sie gar keine Ruhe mehr gefunden.

Zum Glück hatte ich wieder einen sehr guten Kinderarzt gefunden, der sich für mich einsetzte. So erreichte er mit einem einzigen  Telefonat, dass ich innerhalb von zwei Wochen einen Termin in der Autismusambulanz bekam. Und dort wurde auch Tims Diagnose vom Hamburger Autismusinstitut ohne Probleme akzeptiert.

In den ersten zwei Monaten war ich außerdem damit beschäftigt, regelmäßig zurück nach Lüneburg zu fahren, um an der Seite meiner Mutter sein zu können. Meine größte Angst, nicht bei ihr sein zu können wenn sie stirbt, traf zum Glück nicht ein. Und so konnte ich, dank Michaels verständnisvoller Chefin, nach Lüneburg fahren, und die letzten Tage mit meinem Vater und allen drei Brüdern an der Seite meiner Mutter verbringen.

 

Kindergartenanfang

Tim Frühling 2011Mitte August fing Tim dann im integrativen Kindergarten in Kaiserslautern an. Die einzige Kindergartenerfahrung, die ich bisher gemacht hatte, war ja nun eine extrem negative. Und obwohl ich auf das Beste hoffte, so war ich doch sehr nervös. Aber dieser Kindergarten war einfach wie vom Himmel gesandt. Man nahm sich Tim an, akzeptierte und mochte ihn, wie er nun mal war. Und wenn Schwierigkeiten aufkamen, dann überlegten sich die Erzieher, gemeinsam mit den Therapeuten sowie der Leitung vor Ort, Lösungsansätze. Wir Eltern wurden immer hinzugezogen. Jede Woche bekam Tim dort zwei Mal pro Woche Ergotherapie, 1 Mal die Woche Spieltherapie, und später auch Logopädie. Und, dank des Engagements unseres Kinderarztes, gingen wir zusätzlich alle zwei Wochen in die Autismusambulanz. Die Therapeutin dort besuchte Tim auch hin und wieder im Kindergarten und gab den Erziehern Ideen, was sie sonst noch an Tims Bedürfnisse anpassen könnten. Und diese Ideen wurden natürlich direkt umgesetzt.

Im Kindergarten lebte sich Tim gut ein. Das bedeutet zwar nicht, dass er Freundschaften schloss oder gar Einladungen zu Kindergeburtstagen bekam. Aber es ging ihm sichtlich gut dort, und ich gab ihn jeden Morgen mit einem beruhigten Gefühl an den Fahrer seines Kindergartenbuses ab.

Erneute Hilferufe

Hier zu Hause war allerdings die Hölle los sobald Tim kurz nach 15.00 nach Hause kam. Man könnte denken, dass die drei Stunden, bis Michael nach Hause kommt, doch gut zu überbrücken sein müssten. Aber dieser kleine, süße, absolut herzensgute 4-jährige terrorisierte unsere Familie im wahrsten Sinne des Wortes. Seine Aggressionen wurden immer schlimmer. Was sicherlich nicht half war, dass Oskar Emotionen auch überhaupt nicht lesen konnte, und nicht begriff, dass man Tim einfach alleine lassen sollte. Tim, auf der anderen Seite, wollte nicht alleine sein, obwohl es ihm gut getan hätte, um erst einmal in Ruhe den Kindergartentag zu verdauen. Ein weiteres Problem war, dass Frederik bei Tims extremen Wutausbrüchen starke Angst bekam und sich nur noch an mich klammerte, so dass ich wirklich um seine Sicherheit fürchten musste. Auch wenn Tim seinem kleinen Bruder nie bewusst weh getan hätte, in solchen Ausbrüchen vergisst er sich selber total, tritt, haut, wirft Sachen um sich etc. Und so kam es in dieser Zeit häufiger vor, dass ich mich mit Oskar und Frederik in einem Zimmer einsperrte um vor Tim sicher zu sein!! Und rief verzweifelt (und heulend) entweder Michael oder die Therapeutin der Autismusambulanz (die zufälligerweise in derselben Straße wie wir wohnte) an.

Tim Oskar Herbst 2011Als ich dann in der Kinderbetreuung meines Fitnessstudios (wo ich Tim natürlich nie hätte abgeben können) DIE perfekte ‘Babysitterin’ kennenlernte, engagierte ich sie direkt, mir nachmittags zu helfen. Und da ich inzwischen wirklich jeden Nachmittag jemanden brauchte, vermittelte sie mir einen Kontakt eines ebenso fantastischen Menschen. Diese beiden Lehramtsstudentinnen haben seitdem eine große Bedeutung in unserem Leben gespielt, und werden diesen Monat sogar die Patentanten unserer Jungs. Dennoch war dies keine dauerhafte Lösung – weder finanziell, noch, weil ich fand dass ich professionelle Hilfe bekommen müsste um zu lernen, wie ich es alleine schaffen kann.

  Langsam kommt Hilfe an

So kam es zur Krisensitzung beim Arzt der Autismusambulanz, der mir empfahl beim Jugendamt eine Familienhilfe zu beantragen. Verzweifelt wir ich es war, tat ich das direkt am nächsten Tag. Oder zumindest versuchte ich es, denn es war Anfang Januar, und die meisten Jugendamt Mitarbeiter waren noch im Urlaub.

Ich hatte ein Gespräch mit dem Vertreter des zuständigen Mitarbeiters, dem ich versuchte die Situation zu schildern, und fing immer wieder verzweifelt an zu weinen. Aber außer dem Satz, dass wir uns langfristig eventuell überlegen müssten, ob es für uns nicht vielleicht besser wäre, wenn Tim woanders untergebracht würde, fiel ihm leider nicht viel ein. Denn eine Familienhilfe im klassischen Sinne kam für uns nicht in Frage, da unsere Probleme nichts mit uns und unser sozialen/finanziellen Situation zu tun hat. Dank Tims Therapeutin blieb es zum Glück nicht bei diesem einen, niederschmetterndem Gespräch. Denn, egal wie schwierig es auch zu Hause sein mag, so hätten wir doch nie auch in Erwägung gezogen, ihn wegzugeben.

Das nächste Gespräch verlief zum Glück viel positiver. Als der JA Mitarbeiter aus seinem Urlaub zurück war und einige Telefonate mit Tims Therapeutin geführt hatte, hat er sich anscheinend wirklich viele Gedanken gemacht wie man uns helfen könnte. Bei diesem nächsten Gespräch waren anwesend der zuständige JA Mitarbeiter, und die stellvertretende Leitung eines Elternvereines, der auch autismusspezifische Integrationshilfen zur Verfügung stellt. Vorort wurde nun beschlossen und praktisch schon genehmigt, dass ich von nun an jeden Nachmittag wochentags eine Integrationskraft an meiner Seite haben würde. Für mich war das wie ein Rettungsring! Ich war nicht mehr allein in dieser Situation! Und ich bekam Hilfestellungen, wie ich mit Tims – und Oskars – Verhalten besser umgehen konnte, und was wir bei uns im Haushalt ändern könnten, um es beiden leichter zu machen. Außerdem ging Tim von nun an jeden Freitagnachmittag in die ‘Soziale Gruppe’ dieses Elternvereins. Eine Gruppe für autistische Kinder, in der soziale Fertigkeiten erlernt und geübt werden, mit Therapiepferden umgegangen wird und viel Spaß gehabt wird, und die zusätzlich auch noch die Eltern entlastet.

was gibt es Schöneres, als einer sich drehenden Waschmaschne zuzusehen?!

was gibt es Schöneres, als einer sich drehenden Waschmaschine zuzusehen?!

Tims Kindergarten war weiterhin auch eine zusätzliche Hilfe. Wenn es dort oder zu Hause wieder sehr schwierige Phasen gab, dann kam es auch mal vor, dass die Kita Leitung mit einem der Erzieher zu uns nach Hause kamen, um uns so zu unterstützen.

Tims Zeit im neuen Kindergarten war sicherlich keine einfache Zeit. Es gab trotzdem, sowohl zu Hause, als auch im Kindergarten – oft nicht zeitgleich – sehr schwierige Phasen. Aber es hat für uns einen immensen Unterschied gemacht, nicht alleine dazustehen, sondern andere an unserer Seite zu haben. Insgesamt lief das erste Kindergartenjahr für den Kindergarten eventuell etwas leichter ab als für mich zu Hause.

Dennoch fühlte mich gerettet. Ich war nicht mehr alleine mit meinen Problemen. Denn obwohl ich ja Michael habe, und er mich immer und überall unterstützt, so war er in solchen Dingen noch viel überforderter als ich.

 

Wie es bei uns weiterging, warum wir uns schweren Herzens für Medikamente für Tim entschieden haben, und wie Tim mit dem Schulanfang klargekommen ist, erfahrt ihr im nächsten Eintrag.

 

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