Normalerweise schreibe ich immer über Themen, die ich schon ‘verdaut’ habe. Diesmal aber schreibe ich schon, während ich noch am Verdauen bin. Noch habe ich keine wirkliche Lösung für unser aktuelles Problem gefunden. Noch bin ich dabei, das Geschehene zu verarbeiten.

Insgesamt fühle ich mich tatsächlich wie in einem Time Warp. Denn an dieser Stelle waren wir vor gut 4 Jahren schon einmal. Damals hatten wir uns entschlossen, Tim aus seinem damaligen Kindergarten abzumelden. Eine Alternative hatten wir keine. Stattdessen war ich also ab dann mit drei kleinen Kindern allein zuhause, währen Michael unter der Woche berufsbedingt unterwegs war. Meine Gedanken über diese extrem schwierige Zeit hatte ich in einem meiner ersten Blogbeiträge festgehalten. Es ging mir damals wirklich beschissen, um es auf Gutdeutsch auszudrücken.

Auch jetzt geht es mir sehr bescheiden. Ich bin verzweifelt, bin am hin und herüberlegen, was für Tim das beste ist. Und auch, wie ich erreichen kann, dass ich selber nicht daran zerbreche. Denn wenn ich zwar eine Lösung finde die für Tim besser ist, ich selber aber einen Nervenzusammenbruch bekomme,dann ist ja auch niemanden wirklich geholfen.

Doch einen, nein eigentlich gar zwei bedeutende Unterschiede gibt es zu der Zeit vor 5 Jahren. Damals stand ich wirklich ganz alleine da. Wir hatten ja noch nicht einem eine Ahnung warum Tim sich so verhielt. Und Michael war eben auch nur am Wochenende zu Hause. Heute wohnen wir aber so, dass Michael in der Regel abends nach Hause kommt, und somit für die Kinder und für mich viel präsenter ist. Meine Verzweiflung, meine Ängste muss ich nicht mehr die ganze Woche aufstauen lassen, sondern kann sie direkt mit Michael bereden. Aber nicht nur Michael steht mir zur Seite, sondern auch der Verein, der Tim betreut, unterstützt mich. Dieses ‘nicht alleine vor dem Trümmerhaufen zu stehen’, das ist wirklich eine Menge wert.

Ja, aber was ist der Trümmerhaufen. Was ist passiert?

Irgendetwas ist anders

Schon seit Anfang des Jahres hat sich irgendwie etwas verändert in Tims Ausbrüchen. Die waren ja schon immer recht heftig, aber wenn man sich nur auf ihn konzentrieren konnte, dann konnte man ihn eigentlich ganz gut wieder beruhigen. Man konnte ihn auch oft schon rechtzeitig ‘einfangen’ so dass es gar nicht erst eskalierte. Das ist aber nun nicht mehr so. Es kommt zwar nicht mehr ganz so häufig zu solch heftigen Ausbrüchen, aber wenn, dann knallt es richtig, und man hat keine Chance ihn wieder zu beruhigen. Schickt man ihn auf sein Zimmer, werden Stühle etc gegen die Zimmertür geschmissen. Begleitet von lautem Gebrüll. Ist er nicht auf seinem Zimmer, wird alles geschmissen, getreten, geschlagen, was ihm in die Quere kommt.

Schon im Herbst war es für Tim nachmittags in der Schule sehr schwierig. Es gab regelmässig Probleme, und er kam jeden Tag geknickt nach Hause da es schon wieder kein guter Tag gewesen war. Es brach mir das Herz ihn so niedergeschlagen zu sehen. Also beschloss ich, ihn aus der Ganztagschule herauszunehmen, damit er schon nach den Hausaufgaben nach Hause kommen kann. Dies hat tatsächlich bewirkt, dass Tim viel entspannter in der Schule und dann auch nachmittags zu Hause war.

Moment, ich hör mal eben auf zu pressen, mein Handy klingelt!

Doch seit Januar hat sich auch in der Schule etwas verändert. Auch dort eskalierte es einige Mal heftigst.  Da wurden dann Tische und Stühle oder auch mal ein großer Stein geschmissen, Lehrer geschlagen und getreten. Er ist in dieser Zeit wirklich gar nicht er selbst. Wie gesagt, häufig passierten diese Anfälle nicht mehr. Im Schnitt vielleicht 1 Mal alle 14 Tage, und eigentlich nie in der eigentlichen Unterrichtszeit sondern entweder in der Pause oder nach Unterrichtsende. Für immer werden wir uns daran erinnern wie uns Tims Klassenlehrerin am Tag der Geburt unserer Tochter Mitte Januar im Kreißsaal anrief, um uns mitzuteilen, dass Tims Verhalten gerade nicht tragbar sei. Der Grund war klar: er war aufgeregt, denn endlich war es soweit und sein Schwesterchen sollte zur Welt kommen. Zum Zeitpunkt des Telefonates war Tim schon wieder dabei sich zu beruhigen, so dass mich Michael zum Glück nicht alleine lassen muste. Die Krönung kam dann aber, als wir etwa eine Stunde später einen erneuten Anruf bekamen. Nicht weil es wieder schwierig war, sondern lediglich um uns zu berichten wie schlimm es gewesen war. Auch wenn wir (und niemand anders) so recht nachvollziehen können, warum man uns wirklich im Kreißsaal nicht nur ein Mal sondern gleich zwei Mal anrufen,nein richtig stören, muss – vor allem wenn jemand schon selber Kinder bekommen hat und weiß was man in so einem Kreißsaal denn so macht – so zeigt es aber deutlich, wie belastend diese Ausbrüche für alle Beteiligten sind. Die Lehrerin musste das Erlebte einfach loswerden.

Zum Glück war unsere Julia ja, trotz Einleitung vor Termin, sehr fix (im wahrsten Sinne des Wortes sehr spontan) auf der Welt , so dass Tim am nächsten Tag, stolz wie Bolle, mit Bild seiner kleinen Schwester in die Schule gehen konnte. Die Anspannung war wie weggeblasen, er war einfach nur stolz und glücklich.

Doch in regelmäßigen Abständen gab es leider immer wieder diese ‘Aussetzer’. Im Unterricht lief es so gut, dass sogar beschlossen wurde Tim in den ersten 2 Unterrichtstunden unbegleitet zu lassen! Doch danach, oder auch mal in der Sozialen Gruppe am Freitnachmittag, gab es immer mal wieder Eskalationen, aus denen er sich über gut 1,5 Std nicht herausholen ließ. Die Anlässe waren eigentlich immer Nichtigkeiten, so dass man als Außenstehender nicht wirklich sagen konnte, warum es gerade deswegen nun so geknallt hat.

Eine schwere Entscheidung

In irgendeinem meiner Posts hatte ich schon einmal erwähnt, dass Tim eine wirklich tolle Klasse hat. Er wird dort, trotz seiner vielen Eigenheiten und auch Schwierigkeiten, nicht nur akzeptiert sondern wirklich gemocht. Sehr deutlich wurde dies an seinem Geburtstag im März. Tim wollte unbedingt Zuhause feiern. Denn er wollte seinen Freunden (er hatte 8 Freunde eingeladen, von denen die Hälfte gekommen sind) sein neues Haus und seinen kleine Schwester vorführen. Im Umgang mit Tim merkte man, dass diese Kinder unseren Tim wirklich sehr mögen. Und ihm irgendwie alles, was hin und wieder in der Schule vorfällt, einfach verzeihen oder gar es vergessen.

Dies war einer der Tage an dem wir überlegten, ob wir wirklich die richtige Entscheidung getroffen hatten. Denn wir hatten bereits vor Weihnachten, als Tim nicht mehr nachmittags in der Schule betreut wurde, beschlossen, Tim Schule wechseln zu lassen. Seine jetzige Schule ist am anderen Ende der Stadt. Der Grund, warum wir ihn dort eingeschult hatten war, da wir dachten der strukturierte Nachmittag wäre gerade das was er braucht. Und haben dafür in Kauf genommen, dass wir sehr schwer nur Kontakt zu den Lehrern pflegen können (Tim wird von einem Fahrdienst zur und von der Schule gebracht), und dass seine Klassenkameraden ganz weit weg sein würden. Besonders den letzten Punkt haben wir unterschätzt. Während sich nun seine Klassenkameraden ohne Probleme in den Ferien oder am Wochenende treffen konnten, hätte es für Tim groß organisiert werden und mit Fahrerei verbunden sein müssen.

Da unser Oskar nun im Sommer auch zur Schule kommt, und im Jahr darauf auch schon Frederik, haben wir beschlossen, dass auch Tim nach den Sommerferien auf die Schule gehen soll, in dessen Einzugsgebiet wir wohnen.

Wann ist der richtige Zeitpunkt?

Über den richtigen Zeitpunkt, wann wir Tim von dem Schulwechsel erzählen sollten, gab es unterschiedliche Meinungen. Wir, gemeinsam mit dem Expertenteam, fanden, dass Tim es in den Osterferien erfahren solle, damit er es in den Ferien schon ein wenig verarbeiten könne. Und damit er dann bis zu den Sommerferien Zeit hat, seine neue Schule, seine zukünftige Klassen und hoffentlich auch seine zukünftige Klassenlehrerin kennen zu lernen. Die andere Meinung war, man solle es ihm erst so spät wie möglich, zum Schuljahresende sagen. Die zweite Variante wäre sicherlich die angenehmste für Außenstehende. Denn Tim reagiert nun mal auf Veränderungen, und davon bleibt man gerne verschont. Aber gerade weil Veränderungen ihm solch große Probleme bereiten, ihm große Angst machen, muss man ihm doch die Gelegenheit geben, schon vorher diese Ängste abzubauen indem er die neue Schule in Ruhe vorher kennen lernen kann?!

Auf die Nachricht Schule wechseln zu werden hat Tim natürlich mit bitterlichem Weinen reagiert. Wer würde das nicht? Er konnte es natürlich auch gar nicht nachvollziehen, denn wir waren ja nicht einmal umgezogen. Naja, das stimmt nicht ganz, aber wir sind ja nur 5 Meter über die Straße rüber gezogen. Doch man merkte in den Ferien, wie er sich damit auseinandersetzte. Wir fuhren mit dem Fahrrad zur Schule (was er ja vorher nicht konnte wegen der Distanz), zeigten ihm dass nicht nur seine Brüder sondern alle anderen Nachbarskinder auch auf die Schule gehen würden. Tim erzählte jedem, dass er auf eine neue Schule kommen würde. Er sagte auch, das er darüber traurig sei, aber das Mama das so wolle. Insgesamt war er sicher ein wenig dünnhäutiger, aber es gab keine größeren Probleme deswegen. Bis….

was passierte dann? Warum bin ich gerade so verzweifelt? Noch dieses Wochenende habe ich vor den zweiten Teil zu schreiben. Also nur ein kleines bisschen Geduld 🙂

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