Sonnenschein

Gemischte Gefühle

In der letzten Juliwoche bekam ich einen Anruf, auf den ich sehnlichst gewartet hatte. Und dennoch löste er bei mir Angst und Sorgen aus. Denn dieser Anruf kam von der Kinder-und Jugendpsychiatrie, die mir für die Folgewoche einen Platz für Timmy anbot. Sehnlichst kam dieser Anruf, da endlich Hilfe hermusste, es endlich etwas geschehen musste, damit es Tim, und damit unserer Familie, wieder besser gehen kann. Aber Angst, da ich mich natürlich sorgte, wie es unserem zwar Ältesten, aber ja trotzdem gerade einmal 8-jährigem, Sohn alleine in einer Klinik ergehen würde. Auf der einen Seite brauchte ich dringendst Abstand und eine Pause, auf der anderen Seite vermisste ich meinen Großen schon jetzt. Dazu kommt, dass wir noch allzu gut den Klinikaufenthalt in der letzten Klinik in Erinnerung hatten, und wie es Tim dort ergangen war. Würde es wieder so schlimm werden? Würde es ihm in der anderen Klinik besser gehen?

Ich packe meinen Koffer…

Einige Tag vor Tims Aufnahme nahm Michael Tim mit auf einen Waldspaziergang, um ihn auf das Bevorstehende vorzubereiten. Tim erstaunte uns einmal mehr mit seinem unheimlichen Willen, etwas zu verändern. In meiner Liebeserklärung an Tim hatte ich schon über Tims Reaktion geschrieben. Also packte Tim am Tag vor der Aufnahme seine Siebensachen und war bereit.

Schon das Aufnahmegespräch verlief ganz anders als in der ersten Klinik. Der Hauptunterschied war, dass es nicht von einem Arzt, sondern von dem behandelndem Kinder-und-Jugendlichen Psychotherapeuten geführt wurde. Dieser war auch derjenige, der mit uns das Vorgespräch geführt hatte. Tim war im ersten Teil des Gesprächs dabei und hat auch selber einiges erzählen dürfen. Da es Tim immer (verständlicherweise) sehr schwer fällt zuzuhören, wenn wir mit anderen über seine Schwierigkeiten sprechen, ist er dann aber schon in die Betreuungsgruppe gegangen, zu der er ab dem Tag dann auch gehören würde.

In dem Gespräch kam nichts Überraschendes oder Außergewöhnliches zur Sprache. Ich denke beide Seiten waren sich darüber im Klaren, dass es durchaus eine Herausforderung werden könnte. Doch insgesamt machte es auf uns den Eindruck, dass man hier für jemanden wie Tim gewappnet war. Unter anderem gibt es dort, zum Beispiel, einen sogenannten reizarmen Raum. Es ist praktisch ein komplett leerer Raum. Wenn ein Kind extrem erregt ist, und es nicht schafft sich in seinem eigenen Zimmer wieder zu beruhigen, dann kommt es in diesem Raum. Alleine, dass es einen solchen Raum gibt zeigte uns, dass Tim nicht der erste dort ist, der in seinen Meltdowns extrem aggressiv reagieren kann. In der ersten Klinik wurde Tim in einem solchen Meltdown in einen Flur mit Sicherheitstür gesperrt – mit Folge, dass Glas zu Bruch ging. Hier hegten wir Hoffnung, dass man in der Lage ist, Tim in einem solchen Verzweiflungszustand helfen zu können, sich selber wieder zu beruhigen, ohne dass er, jemand oder etwas anderes Schaden davon tragen müsste.

Hoffnung

Tims neues Zuhause auf Zeit

Nach dem Gespräch wurde uns Tims Zimmer gezeigt. Ein Dreier-Zimmer. ‚Oje‘ dachten wir. ‚Wenn das mal gut geht‘. Tim hat sich bisher – egal ob Zuhause oder auf Reisen – noch nie ein Zimmer teilen müssen. Und das aus gutem Grunde. Wir sprachen unsere Sorgen beim Pflegepersonal an, waren uns aber natürlich bewusst, dass dies kein Hotel ist, sondern eben eine Klinik. Und Einzelzimmer gibt es nun mal nicht. Wir wurden dann aber, kurz bevor wir uns von Tim verabschiedeten, gefragt, ob sie Tim vielleicht in ein Doppelzimmer ziehen lassen sollten. Doch zu dem Zeitpunkt hatten wir bereits einige der anderen Kinder kennen lernen dürfen und wussten, dass ein Dreierzimmer möglicherweise das geringere Übel sei. Es kommt ja immer darauf an, mit wem man sich ein Zimmer teilen darf.

Die erste Woche

Die Wochenenden würde Tim immer von Freitagnachmittag bis Sonntagabend bei uns Zuhause verbringen. Bereits am ersten Freitag bekam ich vormittags einen Anruf von Tims Therapeuten. Absolut keinen Beschwerdeanruf, sondern eher einen Anruf, um nach meiner Einschätzung zu fragen. Er sagte mir, dass er normalerweise Eltern zu einer solchen Entscheidung gar nicht hinzuziehen würde, doch ich denke dass schon offensichtlich war, dass wir nicht nur sehr engagierte Eltern sind, sondern welche, die ihr Kind wirklich gut kennen und ehrlich einschätzen können.

Das Dilemma, dem die Klinik gegenüberstand, konnte ich sehr gut nachempfinden. Es ging um die Betreuungsgruppen, von denen es genau zwei dort gibt. Eine kleinere, intensiver betreute für die Kinder bis einschließlich 7 Jahre. Und eine etwas größere und eben nicht ganz so intensiv betreute für die Kinder ab 8 Jahren bis etwa 11. Tim, mit seinen 8 Jahren, war natürlich der zweiteren Gruppe zugeordnet worden. Doch sehr schnell merkte man, dass Tim im Vergleich zu den anderen Kindern viel weniger in der Lage ist, Dinge selbstständig auszuführen, sich an Regeln zu halten, sich mit anderen Kindern konfliktlos zu beschäftigen. Dadurch stießen nicht nur die Betreuer an ihre Grenzen, sondern man merkte, dass Tim dort niemals den Punkteplan schaffen würde. Denn jedes Kind kann sich durch gutes, bzw angemesses, Verhalten Punkte verdienen, die es dann z.B. für etwas Zeit am Nintendo Spielen benutzen kann.

Die Frage des Therapeuten an mich war also, ob ich glaubte Tim wäre in der jüngeren, kleineren Gruppe eventuell besser aufgehoben, oder ob er in der größeren Gruppe bleiben sollte. Im Team sei man sich sehr uneinig gewesen, bzw. hätte keine klare Entscheidung darüber treffen können. Und das konnte ich sehr gut verstehen! In der kleineren Gruppe wäre es sicher leichter für Tim, da 1. weniger Kinder dort sind, 2. mehr Erzieher, und 3. ein Punkteplan, der für Tim leichter zu erreichen wäre.

DOCH ist Tim ja durchaus bewusst in welche Gruppe er gehört. Und er möchte ja überhaupt keine Sonderrolle haben. Zudem seien die Kinder in der kleineren Gruppe zurzeit wohl nicht nur deutlich jünger (das Älteste ist 6), sondern außerdem auch in der gesamten Entwicklung eher noch jünger. Meine Befürchtung, wie auch die des Klinikteams, war, dass sich Tim dagegen sehr wehren würde, und er eben auch niemanden zum geistigen Austausch hätte.

Etwas Besonderes

Die Lösung, für die man sich letztlich entschieden hast, ist eigentlich eine Zwischenlösung. Ein Kompromiss. Tim blieb in seiner Gruppe. Doch ihm wurde eine Einzelbetreuung zugeteilt, die ihn in den Bereichen intensiver unterstützen kann, die ihm am schwersten fallen. Für Tim bedeutet es vor allem, dass er im (lauten, unruhigen) Essenssaal nicht mit den anderen Kindern an einem Tisch sitzt, sondern mit einer Einzelbetreuung an einem separaten Tisch. Außerdem gibt es bei allen nicht so eng strukturierten Aktivitäten (Ausflüge, Spielplatz etc) eine Einzelbetreuung für Tim. Eigentlich ist es genau das, was ich in der letzten Klinik als Lösungsmöglichkeit angesprochen hatte, was man aber nicht durchsetzen konnte/wollte oder wie auch immer. Denn es hatte es einfach noch nie gegeben.
Unser Tim ist einfach etwas Besonderes. Das hat man durchaus auch schon in der letzten Klinik bemerkt. Doch hier wird es nicht nur bemerkt, sondern es wird gehandelt!

Zusätzlich zu Tims Einzelbetreuung wurde außerdem sein Punkteplan angepasst. Und damit er sich nicht als Außenseiter sieht (da er ja weiß, dass die anderen Kinder einen anderen Plan haben), wurde dieser dann auch für ein weiteres Kind aus der Gruppe benutzt. Dieser Punkteplan hat Ziele, die auch für Tim realistisch zu erreichen sind.

Das letzte special treatment, das unser Sohn dort erfährt ist, dass er doch tatsächlich ein Einzelzimmer bewohnt!!! Ich weiß nicht genau, was zu der Entscheidung geführt hat, doch kann ich es gut erahnen. Denn natürlich gibt es in der KJP eigentlich so gar keine Einzelzimmer.

Wie oben schon geschrieben, insgesamt haben wir das beruhigende Gefühl, dass man nicht mit Tim überfordert ist. Man sieht ganz klar, dass Tim mehr oder weniger ein Einzelfall ist. Man kann für Tim nicht das anwenden und so vorgehen wie mit den anderen Kindern auf Station. Aber statt es zu nur sehen – und zuzusehen wie er daran zerbricht – hat man es realisiert und die Rahmenbedingungen an Tim angepasst. Ich denke jede Mama, jeder Papa, kann sich ausmalen, wie erleichtert wir uns fühlen.

Erste Zwischenbilanz

Vergangene Woche fand nun ein großer ‚Runder Tisch‘ in der Klinik statt. Anwesend waren wir, Tims Therapeut und Erzieherin, Jugendamt und Leitung des Integrationsteams hier Vorort. Unser Jugendamt Mitarbeiter hatte um ein frühzeitiges Gespräch gebeten, damit man rechtzeitig schauen kann, wie es nach der Klinik weitergehen kann.

Tims Betreuerin hat Tim wirklich 1 zu 1 so beschrieben, wie wir unseren Sohn kennen. Mit allen positiven und eher schwierigen Facetten. Was auch von Tims Therapeuten sehr deutlich gesagt wurde war, dass absolut kein Zweifel an der Autismusdiagnose bestünde. Und dass Tims autismustypisches Verhalten nicht das sei, was auffallen würde (da es eben typisch für Autismus ist). Was aber auffiele sei sein extremer Zwang, alles bestimmen zu müssen, über alles und jeden Kontrolle haben zu müssen, und natürlich seine extrem explosiven Ausbrüche.

Damit wurde für mich mal wieder bestätigt, dass Tims eigentlich Diagnose nicht ‚Asperger Autimus‘ sondern ‚Pathological Demand Avoidance‘ heißen müsste. Nun gut, diese Diagnose gibt es in Deutschland (noch) nicht, so dass es letztlich keine Rolle spielt.

Tim war am Gesprächstermin seit 6 Wochen in der Klinik! Insgesamt müssen wir sagen, dass es ihm dort wirklich – den Umständen entsprechend – gut geht! Jeden 2. Tag telefonieren wir abends, und in der Regel sind dies sehr kurze aber entspannte Telefonate.

Natürlich ist für Tim der reizarme Raum nicht ausgeblieben. Das hätte uns aber auch gewundert. Doch war er bisher ‚nur‘ 3 Mal dort. Ich finde für eine Zeitraum von 6 Wochen ist das ein wirklich positives Ergebnis.

Auch hat Tim die Klinikfreizeit in den Sommerferien nicht zu Ende bringen können, sondern musste frühzeitig in die Klinik zurückkehren. Doch wir, genauso wie sein Therapeut, der in der Zeit selber Urlaub hatte – fanden es toll, dass Tim es überhaupt ein paar Tage auf dieser Freizeit geschafft hatte. Tim selber ging es nach Rückkehr in die Klinik natürlich erst einmal gar nicht gut, und das Telefonat mit ihm führte für mich zu einer schlaflosen Nacht. Doch wie ich Tim immer wieder sagte: Diese Freizeit war für ihn eine riesige Herausforderung und war alles andere als leicht. Wir sind total stolz auf ihn, dass er es so lange durchgehalten hat!

Wochenende

Die Wochenenden zu Hause

Im letzten Artikel hatte ich über unser Sommer Au Pair Freya berichtet. Sie war auch der Grund, warum unsere Wochenenden mit Tim recht entspannt verliefen. Wir waren zu dritt, so dass wenn es mal schwieriger wurde – immer Michael oder ich uns intensiver um Tim kümmern konnten. Auch das Wochenende nach Freyas Abfahrt verlief noch verhältnismäßig entspannt, da wir die Schwiegereltern zu Besuch hatten, die für Oskars Einschulung angereist waren.

So war letztes Wochenende das erste, an dem wir ‚nur‘ zu zweit waren. Es war unglaublich schwierig, und es gab leider einige sehr extreme Situationen, die man gerne aus dem Gedächtnis streichen würde. Dieses gerade beendete Wochenende war zwar immer noch weit entfernt davon, auch nur annähernd als entspannend bezeichnet werden zu können, doch im Vergleich zum letzten war es das wahrscheinlich sogar!

Wie geht es weiter?

Ja, wie geht es weiter? Dazu gibt es leider noch immer keine wirkliche Antwort. Tim wird voraussichtlich noch weitere 8 Wochen in der Klinik bleiben. Und wir hoffen noch immer, dass wir bis dahin eine Einrichtung gefunden haben, in der es Tim wirklich gut gehen kann. Hier bei uns gibt es überhaupt keine Schule, die für ihn geeignet wäre. Unser Jugendamt Mitarbeiter, und ich selber auch, hat bereits zahlreiche Schulen und Einrichtungen abtelefoniert, und niemand fühlt sich in der Lage, Tim dort aufzunehmen.

Worüber sich alle einige sind ist, dass man Tim ein weiteres Scheitern ersparen muss. Der nächste Schritt muss einfach der Richtige sein. Man kann natürlich nicht in die Zukunft schauen, aber wir müssen alles dafür tun dass wir eine Lösung finden, in der Tim wirklich die Möglichkeit hat ‚es‘ zu schaffen. Er hat es so sehr verdient, unser Großer.

Egal wie diese Lösung aussehen wird, Tim wird immer unser geliebter Sohn sein. Und auch wenn es nicht möglich sein wird, dass Tim bei uns Zuhause wohnen wird, so soll er zumindest seine Wochenenden bei uns verbringen. Dass es ihm bei einer solchen Lösung gut gehen kann, das sehen wir momentan. Und auch uns ergeht es so, dass wir unter Woche Kraft tanken können, die wir dann für das Wochenende brauchen, um es als komplette Familie verbringen zu können.

Was aber ganz klar feststeht – Tim wurde gerade vor ein paar Stunden in die Klinik zurück gebracht. Und ich vermisse ihn jetzt schon und freue mich aufs kommende Wochenende!

Hoffnung2

Pin It on Pinterest

Share This