Unsere eigene Mary Poppins

Praktisch direkt nach Fertigstellung des letzten Beitrages ist unsere Mary Poppins mit ihrem Regenschirm in unserem Haus gelandet. Was für ein Segen! Das es überhaupt hierzu kam war ein toller Zufall. Denn schon lange hatte ich mit erheblichen Magenschmerzen  an die bevorstehenden Sommerferien gedacht. Wie soll ich das nur schaffen? Ferien waren ja schon immer sehr schwierig, wie ich schon letztes Jahr in einem Dreiteiler versucht hatte zu beschreiben.Und dann bekam ich von einer Freundin aus England eine Email. Sie war, bis zur Geburt ihrer Kinder, Deutschlehrerin und wurde von einer ehemaligen Schülering gefragt, ob sie nicht jemanden kenne, bei denen sie im Sommer in Deutschland eine Art Praktikum machen könne. Freya, so heißt sie, studiert am Norland College. Eben das College, das die Mary Poppins von heute ausbildet. Mit Uniform und allem. Freya würde gerne ihr Deutsch verbessern, und gleichzeitig noch mehr Erfahrung als Nanny sammeln. Die Anfrage meiner Feundin kam, als Tim gerade in der Klinik war, und seine Entlassung absehbar war. Es war also wirklich genau die Zeit, in der ich oft mit Michael über den Sommer geredet hatte. Denn da Michael sich schon recht lange Urlaub nach der Geburt von Julia Felicitas genommen hatte, war klar, dass er nicht viel zu Hause sein würde. Somit konnte ich mein Glück kaum fassen!

Aber dann kamen meine Zweifel. Können wir das wirklich einem so jungen Menschen ‘antun‘, an unserem ja doch sehr schwierigen Familienleben teilzuhaben? Ist das fair? Also begann ich mit Freya zu schreiben. Ich wollte ganz ehrlich sein, habe ihr erzählt, dass Menschen, die sich wirklich auf unsere Kinder einlassen, sehr viel Freude hier haben. Aber eben auch, dass sie hier höchstwahrscheinlich Verhalten sehen wird, das sie so noch nicht erlebt hat sie vielleicht auch etwas überfordern wird. Aber ich würde ja auch immer anwesend sein.

Das alles scheint Freya nicht abgeschreckt zu haben. Sie erzählte auch, dass sie seit einigen Jahren hin und wieder auf einen Jungen mit frühkindlichem Autismus aufpasst. Und so buchten wir also Freyas Flug und erwarteten sehnsüchtigst – aber trotzdem mit etwas Sorge ob es ihr hier gefallen wird – ihre Ankunft.

Das lange Warten

Wie schon gesagt, diese Anfrage meiner Freundin kam, als Tim kurz vor der Entlassung aus der letzten Klinik stand. Das war Mitte/Ende Juni, und Freya sollte etwa 5 Wochen später ankommen. Für mich stellte sich direkt die Frage, wie ich diese 5 Wochen überbrücken könnte, denn so sehr ich mich auch auf meinen Tim freute, genau so sehr wusste ich auch, dass ich sehr schnell wieder am Ende meiner Kräfte sein würde.

Zum Glück hatte Michael noch aus der Klinik mit unserem zuständigen Jugendamt Mitarbeiter gesprochen, um zu sehen was nun zu machen sei. Und an dieser Stelle muss ich wirklich einmal erwähnen, dass sicher nicht alle ein solches Glück mit ihren JA Mitarbeitern haben wie wir. Denn ihm war schon immer der Härtegrad unserer Situation bewusst, und das Wohl von Tim und der gesamtem Familie ist ihm offensichtlich sehr wichtig. So hat selbiger also Michael direkt am Telefon zugesichert, dass die – bisher als Integrationshilfe in der Schule – genehmigten Stunden ab sofort zur ‚Entlastung‘ zu Hause genutzt werden können. Sprich, das Integrationsteam, das ihn bisher in der Schule betreut hat, sollte ihn nun bis Ferienbeginn mir wochentags zumindest vormittags abnehmen.

Soweit so gut. Theoretisch ja wirklich fast sensationell. Aber eben leider nur theoretisch

Back to Square One

Tim kam aus der Klinik zurück, und in vielerlei Hinsicht schienen wir wirklich wieder Jahre zurück geworfen worden zu sein. Es war ja nun vorher schon alles andere als leicht gewesen, und jeder Tag waren für uns alle eine Herausforderung. Aber plötzlich schien alles, an dem wir so hart gearbeitet hatten, wieder auf Null gesetzt worden zu sein.

Plötzlich war Tim wieder komplett unflexibel in seinem Denken und Handeln. Als kleines Beispiel – wenn wir vormittags noch darüber gesprochen hatten, dass wir nachmittags in Hallenbad gehen würden, dann aber – aufgrund der 38 Grad Hitze – auf das Freibad umdisponieren wollten, so ging das GAR nicht. Alles, was vorher abgesprochen oder besprochen worden war, musste auch exakt eingehalten werden.
Auch seine sozialen Kompetenzen, die ja leider noch nie seine Stärke waren, hatten deutlich gelitten.

Tim schien wirklich ALLES am Miteinander mit anderen Kindern verlernt zu haben, was er sich so hart erarbeitet hatte. Zuhause wurde ungelogen nur rumkommandiert, befohlen, geschrien. Tim wollte nicht alleine spielen, doch wenn einer – oder gar mehrere – seiner Geschwister sich zu ihm gesellten, dauerte es nie lange bis ich einschreiten musste. Sei es , dass Oskar mit Tim ‚Basketball spielte‘, er mit dem Ball aber nicht exakt das tat was Tim sich vorab schon überlegt hatte. Oder aber Tim mit Frederik in dessen Zimmer gemeinsam Lego spielen wollte, Frederik aber seine ganz eigenen Vorstellungen davon hatte, welche Legosteine er nun für sein Superhelden Fahrzeug brauchen würde, und was der Superheld dann damit anstellen würde.

Beides endete zunächst damit, dass Tim seinen Geschwistern in höchster Lautstärke direkt in deren Ohr brüllte, was genau sie zu tun hätten. Oder aber, wenn das keine Wirkung zeigte, wurde es auch ganz schnell handgreiflich.

Im besten Fall hörte ich direkt das erste Brüllen und konnte einschreiten. Doch ich habe eben auch noch ein kleines Baby und ein nicht zu kleines Haus um das ich mich kümmern musste. Und so kam ich eben oft leider erst, wenn es fast zu spät war.

Immer in Erinnerung wird mir hierbei Oskars panischer Blick sein, als ich ihn regelreicht aus Tims Zimmer befreien musste. Warum? Tim versuchte zu bestimmen, wie Oskar mit was spielen sollte. Das machte Oskar auf Dauer keinen Spaß mehr, und, von Tims Geschreie aufgrund dessen abgeschreckt, wollte er Tims Zimmer verlassen. Tim wollte aber wiederum nicht alleine spielen und hielt Oskar also einfach die Tür zu. Zum Glück hörte ich beim Fläschchen geben etwas Rangelei, legte Julia ab um vorsichtshalber nach dem Rechten zu schauen. Mit viel Gegenkraft bekam ich Tims Zimmertür aufgedrückt und schaute wirklich mit enorm panischen Augen eines Oskars, der so schnell er konnte durch meine Beine aus dem Zimmer entwischte.

All dies zeigt, wie hart die vorangegangene Zeit, und die Erkenntnis, dass er selber immer noch nicht weiter gekommen ist, für Tim gewesen sein muss. Aber es zeigt auch, wie schwierig und belastend die gegenwärtige Zeit für die Geschwister war.

Entlastung am Vormittag

Nun sollte uns ja Tims Integrationsteam unter die Arme greifen, um mir zumindest an den Vormittagen zwischen 08.00-12.00 ein wenig Entlastung zu verschaffen. Doch eine weitere Sache, mit der Tim zunehmend wieder vermehrt Schwierigkeiten hatte, waren Übergänge. Und natürlich Anforderungen und Forderungen anderer nachzukommen. Und somit sahen meine entlasteten Vormittage folgendermaßen aus:

07.05 Tims Wecker klingelt, der natürlich aber ignoriert wird

07.30 wir gehen mehrfach bei Tim rein, und schließlich kommt er missmutig nach unten und setzt sich an den Frühstückstisch. Hier erst einmal angekommen legt Tim allmählich seine Verweigerungshaltung ab, erzählt fröhlich und beteuert, nun sich fertig zu machen und dann um 08.00 Uhr mit der Integrationshelferin mit zu gehen.

07.45 Tim geht nach oben, um sich fertig zu machen, Zähne zu putzen etc, und spielt dann noch ein wenig auf seinem Zimmer. Ich rufe in der Zeit immer mal wieder nach oben, um ihm zu sagen wie lange er in etwa noch hat. Antwort? Ein fröhliches ‚ok!‘!!
Ich fange an zu hoffen! Bis…

08.00 …es an der Tür klingelt, die Integrationshelferin vor der Tür steht um Tim mitzunehmen und ich daraufhin Tim runter rufe.

08.15 auf die kalte Verweigerung folgt lautes Geschreie, Sachen werden geworfen, es wird beleidigt. Doch irgendwann habe ich Tim dann doch soweit, dass er zumindest die Treppe herunterkommt.

08.30 unten geht die Verweigerung aber erneut los. Mit Pech flitzt er direkt wieder nach oben und das Spiel fängt von vorne an. Mit Glück bekomme ich ihn dann doch endlich aus dem Haus. Mit viel Glück sogar direkt bis zum Auto, ohne das er erneut zum Haus zurück läuft.

08.45 am Auto geht aber auch dieses Spiel erneut los, denn nun muss man Tim dazu bewegen auch einzusteigen.

08.55 Tim sitzt endlich im Auto, doch der Kampf geht weiter. Tim schreit, tritt gegen den Vordersitz und versucht die Scheibe einzutreten. An diesem Punkt sagt die Integrationskraft ‚So nicht, Frau Ubben!‘, und Tim wird aus dem Auto gezogen. Daraufhin strecke ich meine Hand aus und sage zu ihm ‚Gut, dann musst du eben mit mir zu Julias Termin mitgehen‘.

09.00 Das wiederum bewirkt, dass Tim dann doch lieber ins Auto einsteigt, sich anschnallt und einen schönen Vormittag verbringt. Mittags erzählte er mir jeden Tag, wie viel Spaß er doch gehabt hatte.

Ist es schon Zeit fürs Bett?

Und für mich war, um gerade einmal 09.00 morgens, der Tag schon gelaufen!

So viel hatte ich mir für die ‚freien‘ Vormittage vorgenommen. Doch nun saß ich abends da und hatte schon Angst, wenn ich nur an den kommenden Morgen dachte. Egal was wir versuchten, egal was wir sagten, in Aussicht stellten oder an Strategien uns ausdachten, nichts schien zu helfen.

Nachmittags und abends, wenn man mit Tim den kommenden Tag besprach, sagte er jedes Mal, dass er sich freue, und dass er direkt auf den Ausflug mitgehen würde. Wie schon oben beschrieben, auch nach dem Frühstück ging er mit guten Vorsätzen nach oben. Doch wenn die Anforderung erst einmal kam, da setzte bei ihm alles aus. Er konnte einfach nicht anders.

Ich sah seine Not, seinen Kampf mit sich selbst. Doch wir schafften es nicht, ihn (den Kampf) zu besiegen.

Und so ähnlich ging es Tag für Tag weiter.

Wir, als Familie, waren mal wieder am Ende. Wir hatten einfach keine Kraft und sagten auch schweren Herzens bei der Hochzeit meines Cousins ab. Für Tim wäre eine solche Feier sowieso eh zu viel gewesen. Aber auch für Michael und mich – wir hatten einfach keine Kraft und waren auch nicht in Feierlaune.

Wir fragten uns natürlich, ob wir in so einer Situation überhaupt ein Au Pair in unsere Familie aufnehmen können oder sollten. Und da ich es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren konnte, Freya die gegenwärtige Situation zu verschweigen, weihte ich sie ein, um ihr die Chance zu geben sich doch noch umzuentscheiden.

Zum Glück tat sie dies aber nicht, und so erwarteten wir also sehnsüchtigst ihr Ankunft!

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