Deutschland! Ein Land das von sich behauptet, ein inklusives und auch noch hervorragendes Schulsystem zu haben…

 

Ja, was sind die Deutschen doch stolz auf ihr Bildungssystem. So stolz, dass jemand wie ich, studiert ausschießlich (an sehr guten Unis!) in Großbritannien, hier in unserem Land nicht meinen erlernten Beruf ausüben darf. Beziehungsweise wenn, dann nur zu Dumpingpreisen, da ich ja nicht das deutsche Staatsexamen besitze.

Aber in unserem tollen Bildungssystem fallen tausende von Kindern durch das Raster! Tausende unserer Kinder werden als ‘unbeschulbar’ eingestuft, dürfen nicht zur Schule gehen. Und ich spreche hier von intelligenten, lernfähigen und vor allem lernwilligen Kindern! Wie kann das sein?!?

You are not alone…

 

Wie wir inzwischen leider feststellen müssen sind wir mit unserem Problem absolut nicht allein.  Ein kleiner Trost vielleicht, da man sich austauschen kann. Aber es ist doch wirklich eine Schande. Ein wahres Armutszeugnis für unser Land. Was bringt es unseren Kindern, wenn permanent davon gesprochen wird wie wichtig Inklusion an unseren Schule ist, wenn diese dann aber absolut nicht passiert? Was bringt es, von Schulen Inklusion zu erwarten, wenn Sonderpädagogik oder ähnliches nicht einmal ein Pflichtfach im Lehramtsstudium ist?

Und so haben wir im besten Fall Lehrer, die ihr Fach sehr gut verstehen und auch didaktisch kompetent sind. Im seltensten Fall jedoch (eigentlich nur, wenn ein Lehrer vielleicht selber ‘betroffen’ ist) haben wir das Glück einen Lehrer zu erwischen, der wirklich bereit und in der Lage dazu ist, die Bedürfnisse unserer Kinder zu verstehen und darauf einzugehen.

 

Eine Schule für Tim?

 

Ich hatte es vor einiger Zeit schon einmal angedeutet: in Tims Schule und Wohngruppe, in die wir ihn schweren Herzens schicken mussten, da wir keine Schule Vorort finden konnten, gab es einige Probleme. Ich wollte und konnte bisher dazu hier nicht Stellung nehmen, aber das wird sich bald ändern. Denn seit heute ist Tim wieder Zuhause. Noch sind wir etwas traumatisiert davon, was ‘wir’ alles erlebt haben, aber in den nächsten Wochen werde ich sicher alles verarbeiten können.

 

Tim freute sich riesig! Aber eine seiner ersten Fragen im Auto war: ‘Habt ihr denn auch eine neue Schule für mich?’ Wir konnten nicht anders und logen ihn an. ‘Ja, natürlich’, worauf es ein erleichtertes ‘Gut!’ gab.

 

Wie kann es also sein, dass es so schwierig ist, für diesen so lernwilligen 9-jährige Jungen eine Schule zu finden? Gerade erst hatten wir ein offizielles Gespräch, in dem es darum ging sich über Optionen Gedanken zu machen. Doch immer wieder wurde darauf verwiesen, dass es allein aufgrund des Klinikberichtes kaum möglich sein wird eine Schule zu finden, die bereit sei Tim aufzunehmen. Angeblich gäbe es sogar nur eine handvoll stationäre Einrichtungen, die ‘solche Kinder’ aufnehmen würden.

 

The report of doom

 

Ich war ein wenig irritiert, da immer wieder von diesem Klinikbericht gesprochen wurde, da ich ihn insgesamt zwar als ehrlich aber durchaus auch positiv in Erinnerung hatte. Also kramte ich ihn heraus. Er steht natürlich eine ganze Menge darin, aber ich habe mir einfach mal die für mich wichtigstens Stellen markiert, die Tims Facetten gut beschreiben.

 

“Wir erlebten ihn in der Alltagspraxis oft überfordert, er brauchte viel Unterstützung bei Routineabläufen und musste immer wieder im Einüben der Stationsregeln unterstützt werden”

 

“…erlebten den Jungen als rasch angespannt, er konnte kritische Rückmeldungen oder Enttäuschungen nur schlecht tolerieren”

 

“…bemühten uns…Auslöser für Schwierigkeiten gut zu verstehen…, Situationen und Abläufe für Tim übersichtlich und vorhersehbar zu gestalten und ihn in vielen Alltagssituationen eng zu begleiten. Dies führte dazu, dass Tim zeitweise deutlich besser zurecht kam”

 

“Parallel zu vielen herausfordernden Situationen mit Tim erlebten wir den Jungen auf der anderen Seite als sehr hilfbereit und kreativ…Für sich ist er immer wieder neu zu Verhaltensbesserung motiviert.”

 

“…durch seine Auffälligkeiten massiv beeinträchtigt…und wird einer intensiven pädagogischen und therapeutischen Unterstützung bedürfen.”

 

“Die Eskalation der Schwierigkeiten ist in erster Linie auf die Impulskontrollprobleme und die massiven Anspannungszustände des Jungen zurückzuführe.”

 

Was sagt MIR der Bericht?

 

Natürlich zeigt der Bericht, dass Tim gravierende Probleme hat mit und in seinem Umfeld. Sonst wäre er ja auch nicht in der Klinik gewesen. Und natürlich lese ich den Bericht als Mutter, und nicht als Außenstehender. Aber zeigt der Bericht nicht genauso deutlich, dass Tims Hauptproblem eigentlich die Anspannung ist, die er permanent erlebt (habe ich schon einmal erwähnt, dass ich davon überzeugt bin, dass Tim PDA hat? 😉 ) Und vor allem zeigt er doch deutlich, wie gravierend sich Tims Zustand, und damit ja auch sein Verhalten, verbessert, wenn

  1. er intensiv betreut wird
  2. Abläufe übersichtlicher und strukturierter gestaltet werden,
  3. und seine Schwierigkeiten einfach wahrgenommen, hingenommen und als Anlass genommen werden, Dinge für ihn anzupassen.

Denn wenn all das passiert (was doch eingentlich für ein inklusives Schulsystem, das gerade hochfunktionelle Autisten absolut auf den Regelschulen sehen will!!), dann kann man einen Tim haben, der entspannt und hochmotoviert ist, und die Chance bekommt, erfolgreich die Schule zu besuchen und soziale Kontakte zu knüpfen.

Eigentlich, rein theoretisch, doch gar nicht zu viel zu erwarten, oder? Hmm….

 

Inklusion? “My arse!”, wie Jim Royle sagen würde  😉

 

 

 

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