Warum braucht man einen speziellen Ansatz?

 

Ich hatte schon mehrfach geschrieben, dass Kinder mit PDA einen oft ganz anderen Ansatz brauchen als andere autistische Kinder.

Nicht nur wir waren mit unserem Latein oft am Ende, da die üblichen Strategien irgendwie überhaupt nicht ‘zogen’. Nein, auch der Autismusverein, der Tim in Schule und hier Zuhause betreute, sagte immer wieder, dass ‘normalerweise ‘ihre’ Kinder sehr schnell eine ‘Besserung’ zeigen würden’. Bei Tim verschlechterte sich aber eigentlich mit der Zeit alles.

 

Aus dem Grund hatte ich auch schon vor gut 4 Jahren auf PDA hingewiesen. Nicht, weil ich heiß auf eine neue Diagnose war, sondern weil eben ganz andere Strategein angewendet werden müssten. Leider habe ich mich damals entmutigen lassen.

 

Hier habe ich nun einige Strategieansätze, die es euch und eurem Kind mit PDA das Leben Zuhause sehr erleichtern können. Überwiegend ist es die Übersetzung der Information von der PDA Society (strategies to try at home), ich habe es allerdings ein wenig noch ergänzt mit Information, die ich aus einem der Bücher von Ruth Fidler und Phil Christie habe.

Das Buch heißt ‘Can I tell you about Pathological Demand Avoidance syndrome’. Ich halte es für sehr hilfreich für jeden, der sich ein wenig für das Thema interessiert oder mit einem Kind mit PDA zu tun hat. Da ich das Buch für einen sehr guten Einstieg halte, werde ich an anderer Stelle dieses Buch einmal ausführlicher vorstellen.

 

Strategien

 

Sucht euch eure  Kämpfe sorgfältig aus

 

  • Versucht, Flexibilität in euren Ansatz zu Hause reinzubringen – ist es die Sache wirklich wert, auch wenn es einen massiven Meltdown hervorrufen könnte?
  • Aber dies bedeutet nicht, dass eine Person tun und lassen kann was sie möchte! Wo Grenzen wichtig sind (zum Beispiel für die eigene Sicherheit oder die anderer), so ist es auch wichtig, dass man an diesen Grenzen festhält.
  • Besonders wenn ersichtlich ist, dass euer Kind gerade stark überfordert ist, macht es auch manchmal Sinn, die zuvor gefahrene Strategie anzupassen an die Situation, und Anforderungen, und somit den gefühlten Druck, zu reduzieren.

 

Eine Balance zwischen Toleranz und Anforderungen finden

 

  • Akzeptiert, dass an einigen Tagen der Angstzustand oder die Anspannung so hoch ist, dass die meisten Anforderungen zu viel für euer Kind sind. Dabei kann es sich auch um ‘Anforderungen’ handeln, die andere gar nicht als solche definieren würden. An solchen Tagen ist es sinnvoll, den Druck zu reduzieren und Anforderungen anzupassen.
  • An den Tagen, an denen die Toleranzgrenze höher ist, kann man auch versuchen Anforderungen zu steigern.
  • Auch innerhalb eines Tages kann die Toleranzgrenze enorm abweichen. So kann euer Kind morgens sehr aufnahmefähig sein, aber nachmittags oder abends nicht mehr in der Lage dazu sein, den einfachsten Aufforderungen nachzukommen. Auch hier heißt es, den gefühlten Druck zu reduzieren indem man Anforderungen anpasst.

 

Nehmt nichts persönlich!

 

  • Die Vermeidung von Anforderungen wird hervorgerufen durch sehr hohe Angstzustände, die wiederum auf einem wahrgenommenen Verlust von Kontrolle basieren. Strategien, um Anforderungen zu vermeiden, können sehr aufwendig sein und berechnend und verletzend erscheinen. Doch egal wie verletzend die Dinge sind, die euch vielleicht an den Kopf geworfen wurden, so versucht immer zu bedenken, dass diese nicht persönlich gegen euch gehen, meist nicht so gemeint sind, und euer Kind hinterher wahrscheinlich trauriger darüber sein wird als ihr selbst.
  • Gerade nach aufwendiger Verweigerung oder Meltdown tut es eurem Kind gut zu spüren, dass ihr es natürlich trotzdem liebt, ganz egal was zuvor vorgefallen ist.

 

Behandelt jeden Tag wie einen Neuanfang

 

  • Versucht, das Geschehene von gestern nicht ins Heute überziehen zu lassen. Dies hilft weder euch noch eurem Kind.
  • Zeigt eurem Kind, dass ihr es liebt und dass ihr euch schon auf den Tag mit ihm freut.

 

Unterstützt das seelische Wohlbefinden

 

  • Versucht Wege zu finden die eurem Kind helfen auf eine angenehme Weise zu kommunizieren – aufschreiben, einen Kommentar schreiben und ihn in eine spezielle Box stecken, zeichnen. Das seelische Wohlbefindenist sehr wichtig, jedoch ist es oft sehr schwierig für Kinder mit PDA ihre Gefühle auszudrücken. Versucht einen Weg zu finden, der für EUER Kind passt; am besten versucht, euer Kind selber dabei zu involvieren, da dies vielleicht leichter akzeptiert wird als wenn ihr etwas alleine vorschlagt!

 

Erkennt die Angst als das treibende Element der Verweigerung

 

  • Manchmal hat man das Gefühl, mit seiner Geduld am Ende zu sein. So schwer es auch ist, versucht zu bedenken, dass euer Kind nichts für dieses Verweigerungsverhalten kann, und das sein Verhalten ein Resultat davon ist zu versuchen, seine Umgebung zu steuern und somit seine Angstzustände zu reduzieren.

 

Sprachsteuerung

 

  • Versucht, einen ruhigen Ton zu verwenden, besonders wenn euer Kind eine Anforderung verweigert.

 

Indirektes Lob

 

  • Ihr könntet zum Beispiel mit einem Verwandten darüber reden, was euer Kind gut gemeistert hat – mit eurem Kind in Hörweite. Dies könnte leichter zu akzeptieren sein als wenn ihr es direkt persönlich lobt. (Ein direktes Lob könnte bei einem Kind mit PDA wiederum zusätzlich Stess verursachen, da sie glauben immer und überall es so toll schaffen zu müssen, um gelobt werden zu können)

 

Indirekte Anforderungen

 

  • Versucht es mit Herausforderungen – “Wetten, dass ich meine Jacke schneller anziehen kann als du?!’ oder Kannst du mir zeigen…’
  • Oder rede z.B. mit deinem Partner darüber – in Hörweite eures Kindes – was ihr gerne hättet, was es als nächstes tut.

 

Versucht ihnen das Gefühl zu geben nützlich zu sein

 

  • ‚Es wäre sehr hilfreich, wenn du kurz … tun könntest‘
  • ‚Es wäre eine riesige Unterstützung, wenn du mir bei …helfen könntest‘

Tut so, als ob ihr etwas nicht wisst, oder macht absichtlich einen Fehler

 

  • Zum Beispiel, lies absichtlich Wörter falsch, oder bitte dein Kind dir zu zeigen wie man- die gewünschte Anforderung – erledigt.

 

Begrenzte Auswahl bieten – um ihm zumindest ETWAS Kontrolle zu gewähren

 

  • Möchtest du die Hausaufgaben um 15:00 oder um 16:00 Uhr machen?‘, oder ‚Möchtest du erst duschen oder erst aufräumen?

 

Macht Gebrauch von der ‚wenn…dann‘ Philosophie

 

  • “Wenn du deine Hausaufgaben gemacht hast, dann darfst du für x Minuten an den Computer/XBox.’

 

 

Was WIR daraus gelernt haben…

 

Wir, also Michael und ich, haben wirklich eine Menge gelernt. Über uns.Über Tim. Und über unseren Umgang mit Tim. Ich glaube das Wichtigste ist für uns gewesen zu lernen, dass wir nicht immer unbedingt eine Strategie auch zu Ende bringen müssen. Wir hatten bisher immer gedacht wir müssten konsequent bleiben, um jeden Preis. Doch war dieser Preis bei Tim oft extrem hoch- sowohl für Tim als auch für andere um ihn herum, da es oft in einem kompletten Meltdown endete.

 

Inzwischen versuchen wir immer sehr genau zu schauen, in welcher Grundverfassung Tim ist, was man ihm ‘zumuten’ kann, oder wann man eben auch mal Anforderungen, und somit den Druck, reduzieren muss. Dass bedeutet manchmal auch, dass wir quasi mittendrin, statt etwas durchzuziehen, Tim einen Kompromiss anbieten. Damit erreichen wir dann trotzdem, dass er das Notwendigste macht, er wiederum hat aber das Gefühl, die Situation ein wenig wieder unter Kontrolle zu haben.

 

Was Tim insbesondere auch unheimich hilft, sind die indirekten Anforderungen, und dass wir ihm eine Auswahl an Dingen anbieten, die er machen kann/muss, bzw in welcher Reihenfolge er notwendige Dinge erledigt.

 

Natürlich sind diese Strategievorschläge kein Patentrezept, jedoch werden sie hoffentlich zum Nachdenken anregen, und vielleicht helfen sie ja auch dem einen oder anderen von euch.

 

 

 

 

 

 

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