Ein Erfahrungsbericht über den Aufenthalt in einer Jugendhilfeeinrichtung irgendwo im Westen Deutschlands

 

Was bisher geschah….

 

Mein letzter Bericht über Tim endete damit, dass wir das Gefühl hatten, eine – den Umständen entsprechend – gute Lösung gefunden zu haben, damit Tim endlich wieder zur Schule gehen kann. ‚Den Umständen entsprechend‘ , weil uns nicht wirklich wohl dabei war, Tim nicht mehr bei uns Zuhause zu haben, und weil wir uns absolut nicht vorstellen konnten, ihn so selten nur sehen zu können. Als wir uns auf die Suche begeben hatten, da haben wir immer klar gesagt, dass wir uns, wenn überhaupt, nur eine 5-Tage-Gruppe vorstellen können. Letztlich so wie es in der Klinik war – Tim war Montag bis Freitag weg, wir telefonierten viel, und jeden Freitag holten wir Tim nach Hause. In der Zeit vermissten wir unseren Sohn natürlich auch sehr, aber Tim ging es gut, hatte kein Heimweh, und die Wochenenden waren größtenteils schön und entspannt.

 

Doch die Suche nach einer Schule hatte sich als wesentlich schwerer entpuppt als wir es uns ausgemalt hatten. Es war (leider) zu viel vorgefallen, Tims Probleme an der Regelschule waren zu groß, so dass wir es nicht noch einmal wagen wollten, ihn dort auf ein Neues auflaufen zu lassen. Ursprünglich war geplant, dass Tim nach den Sommerferien 2015 an die für uns zuständige Regelschule wechselt, doch ist die nicht nur nochmal größer als seine letzte, sondern ist auch extrem anspruchsvoll den Schülern gegenüber. Aus dem Grund ließen wir uns auf den Vorschlag ein, eine geeignete Förderschule für Tim zu finden. Die Schulen in pendelbarer Distanz sagten uns ab (eine, da sie keinen Platz hatten, die andere weil sie sich mit Tim überfordert sahen). Die einzige Zusage kam letztlich von einer Einrichtung, die immerhin fast 2 Stunden von uns entfernt ist.

 

Aber diese Einrichtung klang auch wirklich toll! Und sie hat anscheinend eine Menge Geld für ihr Online Marketing sowie für die korrekte Besetzung des Verkaufsleiters des Aufnahmeleiters der Wohngruppen ausgegeben. Ich würde uns wirklich nicht als blauäugig oder naive bezeichnen. Natürlich hatten wir einfach auch noch keine Erfahrung mit Jugendhilfeeinrichtungen, so dass die Aussage des Bekannten einer Freundin aus der Gegend (der mit dem dortigen Jugendamt zusammen arbeitet) für uns wenig bedeutete. Die Aussage war

„Ich habe noch nichts Schlechtes gehört. Aber es ist halt eine Jugendhilfeeinrichtung

Was pries man uns nicht alles an!!

Für uns war am Wichtigsten, dass man Tim so annimmt wie er ist. Dass man die Vorberichte sorgfältig liest, und Tim dementsprechend fördert, damit ihm ein stressfreies Umfeld ohne Druck geboten wird, in dem er gut leben kann. Ein Umfeld, in dem er eine individuelle Einzelbetreuung sowohl in der Wohngruppe als auch in der Schule erhält, er einzel-und gruppentherapeutische Hilfen geboten bekommt, und dass schlichtweg alles auf seine ja doch extrem besonderen Bedürfnisse zugeschnitten wird.

 

Laut Verkaufsleiter Aufnahmeleiter und Verkaufsportal Webseite alles der Fall!

OK, viele von euch werden jetzt sagen „Wie blöd seid ihr eigentlich, dass ihr auf so etwas reinfallt?!“. Aber ihr könnt uns glauben, genau das fragen wir uns jeden Tag!  Aber- abgesehen davon dass unser Sohn eben nicht mehr bei uns wohnen würde- war der einzige Punkt, der uns Bauchschmerzen bereitete der, dass die Kinder nur einmal im Monat nach Hause führen.  Das angesprochen wurde uns ja aber direkt versichert, dass sich die Kinder ja mit der Zeit weitere Wochenenden Zuhause ‚dazuverdienen‘ könnten.

 

Ich hatte natürlich auch meine Übersetzungen über PDA mit eingereicht, wozu mir versichert wurde, dass man es sich genau durchlesen würde. Insgesamt wurde mir das Gefühl gegeben, dass man den Input von Eltern als hilfreich sah und man sie ernst nahm.

 

Gut, hätten wir die Wahl zwischen mehreren Einrichtungen gehabt, dann wäre diese schon aus dem einzigen Grund der spärlichen ‚Beurlaubung‘ rausgefallen. Beziehungsweise, hätten wir wirklich die Wahl gehabt, dann hätten wir auf eine Lösung gehofft, dass Tim bei uns wohnen bleiben kann, er auf eine geeignete Regelschule geht und er die nötige Unterstützung und Hilfe hier Vorort bekommt. Aber zu dem Zeitpunkt war Tim schon seit fast 9 Monaten nicht mehr in der Schule gewesen! Und sein größter Wunsch war es, ENDLICH wieder zur Schule gehen zu dürfen!!

 

Der Einzug

 

Anfang Januar ging es also los. Tim war zwar nervös, freute sich aber auf seine neue Schule. Doch der Einzug lief alles andere als optimal ab.

 

Wir kamen an, hatten ein kurzes Aufnahmegespräch mit dem Verkaufsleiter Aufnahmeleiter und wurden dann in die Wohngruppe geführt. Die total unvorbereitet erschien!!! Wir waren geschockt, versuchten aber dies vor Tim nicht zu zeigen.

 

Warum geschockt? Tims Zimmer war ein Kellerloch! Es war ca 6qm groß, war zur Nordseite raus und war eben im Souterrain mit nur einem kleinen Fenster weit oben. Dazu kam noch, dass das Zimmer nicht einmal vorbereitet war. Das Kind, das vorher darin gewohnt hatte, war gerade einmal 15 Minuten vorher in seine neue Wohngruppe gezogen. Es waren weder Nachtlampe, Schreibtischstuhl oder Nachttisch darin, und der schöne Teppich, den wir mitgebracht hatten, war natürlich viel zu groß für das winzige Loch an Zimmer. Die Wände waren voller Bohrlöcher und Flecken. Alles andere als einladend. Und wirklich über Tim Bescheid zu wissen schien die Erzieherin im Dienst auch nicht. Aber, wie man uns direkt an dem Tag mehrfach versicherte: sie sei seit über 18 Jahren in ihrem Job.

 

Geschockt waren wir allerdings auch, weil wir erfuhren, dass wir Tim nur EINMAL pro Woche anrufen dürfen! So ließen wir Tim schon mit einem sehr flaumigen Gefühl zurück Wir versuchten uns einzureden, dass es sicherlich daran liegt, dass es direkt nach Neujahr war, und dass viele Mitarbeiter im Urlaub gewesen sein müssen, so dass die Kommunikation wohl nicht ganz funktioniert hatte. Und das mit dem Telefonieren, so dachten wir, können wir sicherlich auch noch klären.

 

Der erste Anruf

 

Donnerstagabends, so wurde uns gesagt, dürften wir nun immer Tim für 30 Minuten anrufen. Das taten wir natürlich direkt am ersten Donnerstag und waren erschüttert. Denn was wir hörten beunruhigte uns sehr. Es war ganz deutlich zu hören, dass die Mitarbeiter seiner Wohngruppe überhaupt nicht über Tim Bescheid wussten! Tim erzählte er hätte 3-4 Kinder unbeaufsichtigt auf seinem Zimmer gehabt zum Lego spielen (und Tim hatte natürlich sein ganzen Lego dabei!). Mehrere der Kinder bedienten sich dann an seinem Lego, bzw. sagten sie wollten sich etwas ‚ausleihen‘, und teilten ihm später mit die Regel sei ‚ausgeliehen bedeutet geschenkt‘. Und auch sonst hörten wir einige Dinge, die wir gar nicht so recht glauben mochten.

 

Tim war natürlich aufgelöst, und wir auch. Tim weinte viel, und auch wir mussten uns sehr zusammenreißen.

 

Am Ende des Gesprächs baten wir noch kurz darum, einen Erzieher zu sprechen. Und der stellten wir die Frage ‚Haben sie überhaupt schon Tims Berichte gelesen?!?‘ Unsere Vermutung wurde bestätigt: Die Berichte waren noch nicht einmal in der Gruppe angekommen!!

 

Für uns war klar: wir fahren am Wochenende hin uns besuchen Tim. Das taten wir auch, auch wenn dies nicht ohne kleineren Kampf erfolgte. Man wollte unseren Besuch partout nicht, wollte, dass Tim mit auf den Ausflug mit der Gruppe fährt. Nicht ganz ohne laute Worte setzten wir uns aber durch und nahmen Tim mit auf einen Tagesausflug.

Beim wieder Abliefern suchte ich noch einmal das Gespräch mit einer Erzieherin. Jener, die schon seit fast 20 Jahren in ihrem Job ist und weiß was sie tut. Ich erklärte freundlich, warum Tim eine engere Betreuung braucht, und was für ihn angepasst werden müsste, damit er nicht so großen Druck aufbauen würde. Ich erklärte auch, dass Tim sich oft einige Wochen zusammen reißen könnte, doch dann würde es eskalieren weil er einfach nicht mehr könne. Ihre Antwort? „Damit kommen wir dann auch zurecht“

Ich erwiderte, dass ich es aber gerne hätte dass es gar nicht erst dazu kommt. Dass man Tim eine Umgebung schafft, in der er erst gar nicht so unter Druck steht, um einen heftigen Meltdown zu haben. Doch sie sagte immer wieder wie lange sie schon im Geschäft sei, dass sie alles schon gesehen habe und damit dann zurecht käme.

 

Eigentlich war da schon alles klar. Es geht auch ihr absolut nicht darum, dass es unserem Kind dort gut geht. Es geht ihr nur darum, dass SIE damit zu Recht kommt!

Und so stand ich bereits eine Woche nach Tims Einzug beim Jugendamt auf der Matte!

 

Wie es weitergeht, das werde ich im nächsten Beitrag schreiben. Inzwischen haben wir unseren Tim, Gott sei Dank, wieder zuhause, und können noch immer nicht glauben wie es in einer Einrichtung abgelaufen ist, die ‚zum Wohle des Kindes‘ handelt und ‚auf Autismus spezialisiert ist‘!!!

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