Warum mich meine Kinder zu einem anderen, besseren Menschen gemacht haben

 

Ich würde von mir behaupten, dass ich eigentlich schon immer ein rücksichtsvoller Mensch war. Ich habe schon immer versucht mich in andere Leute hineinzuversetzen und habe teilweise so viel Mitgefühl gehabt, dass es mir fast genauso weh oder leid tat wie der anderen Person (oder auch Tier!) auch. Auch hatte ich oft das Bedürfnis mich gerade auf die Seite der ‚Schwächeren‘ oder ‚Unbeliebteren‘ zu stellen.

 

Dennoch gibt es einige Dinge, für die ich mich schäme. Und dabei handelt es sich nicht einmal um Taten, sondern um Gedanken. Doch Gedanken sind Meinungen. Und Meinungen beeinflussen einen darin, wie man andere Leute sieht, wieviel Verständnis man hat und wie man sie annimmt.

 

Ich rede hier irgenwie um den heißen Brei herum, ich weiß. Ich finde es auch sehr schwierig so richtig auszudrücken, was ich rüberbringen möchte. Aus dem Grund hatte ich schon viele Mal vor, diesen Blogpost zu schreiben, habe es dann aber doch wieder zur Seite geschoben.

 

 

Aber  – here we go – ich versuche es einfach einmal….

 

 

Es war das Jahr 2004. Michael und ich waren gerade gemeinsam nach Großbritannien zurückgekehrt, um noch einmal zu studieren. Auf dem Weg nach Wales machten wir halt bei einer guten Studienfreundin von mir in London, die inzwischen einen kleinen Sohn hatte. Diesen Sohn empfand ich als sehr anstrengend. Und in den folgenden paar Jahren kam ich jedes Mal nach einem Besuch nach Hause zurück und berichtete von dem ‚heftigen‘ Verhalten des Sohnes. Meine Freundin, wirklich eine der liebsten und großherzigsten Menschen die ich kenne, tat mir unglaublich leid, da ihr kleiner Sohn sie unmöglich behandelte. Er schlug sie, machte wegen Kleinigkeiten einen unglaublichen Aufstand, und ich spürte die Überforderung meiner Freundin. Von Psychologen etc ernst genommen wurde sie als Alleinerziehende nicht, das Verhalten des Sohnes wurde auf die äußeren Umstände geschoben. Aber auch ich hatte meine Vorurteile. So erzählte ich Michael dann nach einem Besuch bei ihr etwa ‚das Verhalten ihres Sohnes ist wirklich unmöglich! Das würde ich mir ja nie gefallen lassen. Sie müsste viel konsequenter sein und x oder y oder z machen!‘.

 

Als ich schwanger war mit Tim erzählte mir meine Freundin dann, dass sie gerade eine Autismus Diagnose für ihren Sohn erhalten hatten.

 

Oder eine andere Studienfreundin von mir. Ihre Tochter ist fast 2 Jahre älter als Tim. Wir haben sie ab Babyalter –solange wir noch in UK wohnten- immer mal wieder gesehen. Ich fand sie immer ‚komisch‘, ‚irgendwie seltsam‘. Und irgendwann fand ich auch ihr Verhalten unmöglich, war der Meinung, dass ich so etwas nicht durchgehen lassen würde sondern konsequenter wäre.

 

Eigentlich das typische Klischee – Kinderlose wissen besser, wie man Kinder erziehen sollte, als die Eltern selber.

 

Und dann wurde ich selber Mutter. Und nicht nur von den tollsten Kindern, sondern eben auch von ganz besonderen Kindern.

 

 

Was haben mir solche Meinungen und Vorurteile wie meine eigenen früheren das Leben schwer gemacht! Ich habe in einem meiner ersten Blogposts erzählt wie eine Mutter in Tims erstem Kindergarten mich von oben herab behandelte. Tim schaffte nie den Übergang von Kindergarten zum ‚nach Hause gehen‘, lief weg, schrie etc. Ich musste ihn jedes Mal, mit Frederik in der Trage, klein Oskar an der Hand, einfangen und schreiend mitnehmen. Als diese besagte Mutter einmal ankam, ihre Tochter rief, und diese ihr hopsend in die Arme sprang, sagte ich scherzhaft ‚Ach, so einfach kann das also gehen‘, worauf ich ein ‚man muss halt einfach mal durchgreifen‘ bekam. Auf meine Versuch, meine eigene stressige Situation ein wenig scherzhaft zu sehen, bekam ich also einen Schlag in die Magenkuhle.

 

In den Jahren darauf folgten unzählige Situationen, in denen ich entweder direkt Ratschläge gesagt bekam, mir Gründe für das Verhalten meiner Kinder genannt wurden, oder ich einfach das Tuscheln oder die Blicke anderer wahr nahm.

 

Wie man sich dabei fühlt? Beschissen! Ich rede hier noch überwiegend vor der Zeit unserer ersten Diagnose, bzw die ersten Jahre danach. Wie meine Freundin in London war ich total überfordert! Ich wusste nicht, warum mein Kind sich so anders verhält als die Werte die ich ihm glaubte beizubringen. Ich verstand nicht, warum ich mit meinen eigenen Kindern so überfordert war, obwohl ich mich immer als eine sehr selbstbewusste Mutter gesehen hatte. Ich war verzweifelt, weil außer meinen eigenen Eltern und Michael niemand sehen wollte, dass es nicht an mir oder den äußeren Umständen lag, sondern dass mehr dahinter steckte. Jeder hatte eine Erklärung (Umzug aus England nach Deutschland, Papa ist viel weg, die armen Kinder werden zweisprachig groß, der arme Junge hat schon zwei Geschwister und und und), aber ich stand ganz alleine da in meiner Not. Ich weiß nicht wie oft ich abends mit meiner Mama telefonierte und einfach anfing zu heulen, da ich einfach nicht mehr konnte.

 

Es gab und gibt viele Situationen, in denen wir statt Verständnis und vielleicht sogar auch Unterstützung nur Unverständnis und Vorurteile bekommen.

 

Heutzutage ecke ich ständig an. Nicht weil ich zickig oder schwierig geworden bin. Nicht weil ich einer dieser Menschen bin die nur glücklich sein können wenn sie unzufrieden sind und sich über etwas aufregen können. In der Regel ecke ich an, weil ich alles dafür tue, dass meine Kinder akzeptiert werden, dass ihnen dieselben Dinge ermöglicht werden wie anderen Kindern auch (zur Schule gehen, an sozialen Veranstaltungen teilnehmen etc). Für andere ist es etwas ganz natürliches, dass deren Kind morgens zur Schule geht, mittags Hausaufgaben macht und sich dann mit Freunden trifft. Doch damit unsere Kinder einigermaßen stressfrei die Schule und andere Einrichtungen oder Vereine besuchen können, bedarf es jeder Menge Verständnis, Anpassungesfähigkeit (der anderen!) und Toleranz. Arroganz und das Denken, es besser zu wissen, ist hier völlig fehl am Platz, denn es erschwert sowohl den Kindern aks auch den Eltern das Leben erheblich.

 

Ich habe schon oft geschrieben und auch gesagt, dass ich von niemandem erwarte über Autismus Bescheid zu wissen, oder alleine mit unseren Kindern zurecht zu kommen. Was unsere Kinder aber am allerwenigsten gebrauchen können sind Leute die GLAUBEN Bescheid zu wissen, die GLAUBEN besser zu wissen (ob im Stillen oder nach außen).

 

Die Einstellung anderer Leute, die Ignoranz und Arroganz, die ist es, die uns ein viel viel größeres Problem bereit als der Fakt, dass unsere Kinder autistisch sind. Oder, wie ich es gerade erst selber erleben muss, die Einstellung, dass besondere Kinder zwar ‚ok‘ in einer Einrichtung sind. Aber auch nur, wenn dafür nichts, aber auch gar nichts, an deren besonderen Bedürfnisse angepasst werden muss. Denn dann würden ja die anderen Kinder neidisch und möchten dieselben Bedingungen auch für sich.

 

Und ja, bei solchen Menschen ist meine Frustrationstoleranz tatsächlich sehr gering geworden. Ständig habe ich das Gefühl gegen Leute kämpfen zu müssen, nur damit es meinen Kindern gut gehen kann. Bei einem Alltag, der sowieso schon sehr herausfordernd ist, ist dies wirklich nichts, was ich mir herbeisehne. Aber dennoch bin ich der Meinung, dies meinen Kindern schuldig zu sein.

Sooooo, inwiefern halte ich mich also heutzutage für einen besseren Menschen als der, der ich vor ca 10 Jahren war?

 

Dies ist der Teil, der mir irgendwie so schwer fällt. Ich bin mit Sicherheit nicht perfekt. Ich habe, wie jeder Mensch, meine Ecken und Kanten, meine Stärken und Schwächen.

 

Aber dennoch habe ich das Gefühl, dass mir meine Kinder so viel beigebracht haben, und ich mich dank ihrer positiv entwickelt habe.

 

  • Früher habe ich voreilige Schlüsse gezogen wenn ich ein Kind gesehen habe, dass sich ‚unmöglich‘ verhält. Genauso wie ich es ja auch bei den Kindern von lieben Freunden getan habe! Heute bin ich sehr viel vorsichtiger mit solch Schlüssen! Ich weiß ja nun selber, was alles hinter solchem Verhalten stecken kann. Und wie sich die Eltern fühlen, wenn ihnen statt Unterstützung oder einfach nur Freundlichkeit eben böse, verachtende Blicke oder gar böse Worte entgegengebracht werden. Ich weiß, wie gestresst und auch hilflos man sich fühlt, wenn sein Kind einen Meltdown hat, und man verzweifelt versucht, es wieder zu beruhigen. Und ich weiß wie isoliert man sich fühlt, wenn man sich kaum mit anderen Leuten treffen kann, da man stets Angst hat, dass es zu einem heftigen Meltdown kommen könnte.

 

  •      Ich beobachte ruhig und versuche immer ohne Wertung Dinge anzugehen. Wenn ich um Rat gefragt werde, versuche ich Tipps zu geben. Bei sehr guten Freunden biete ich Rat auch von mir aus an. Aber immer auf das offensichtliche Bedürfnis des Kinders bezogen. Und genauso merke ich, wie Freunde und Bekannte ganz gezielt zu mir kommen, wenn sie ehrlichen Rat suchen. Denn ich werde mich nicht bedingungslos auf die Seite der Freundin stellen (wenn es Probleme mit einer anderen Person gibt), sondern versuche die Situation aus den Sichtweise der Beteiligten zu sehen. Für einige ist dies vielleicht unangenehm, andere – die wirklich Rat möchten und nicht nur Bestätigung – die wissen dies gerade zu schätzen und können etwas mitnehmen.

 

  • ich hoffe ich bin verständnisvoller geworden

Wenn ein Erwachsener sich mal seltsam verhält oder wegen einer Sache scheinbar überreagiert, urteilt man auch dann leicht und schnell. Aber von mir selbst weiß ich, dass es oft ja gar nicht die Sache selber ist, weswegen man so überreagiert. Oft war es nur das letzte Tröpfchen, das den Stein zum Überlaufen gebracht hat. Der letzte Funken, der zur Explosion gefehlt hat. Deswegen versuche ich stets zu reflektieren, wenn mich das Verhalten von jemandem gekränkt oder auch nur befremdet hat, und genauso nehme ich das Verhalten anderer ein wenig in Schutz wenn mir ein Freund oder Familienmitglied von so etwas berichet. Denn – wer weiß denn, was bei denen vorgefallen ist? Wer weiß denn, mit was sie momentan zukämpfen, welche Sorgen sie zur Zeit haben? Und genauso hoffe ich dann, dass wenn ich auch wegen einer gefühlten Kleinigkeit überreagiere, dass man dann auch Verstädnis für mich hat. Denn mit großer Wahrscheinlichkeit bin im machwieder dabei gegen Windmühlen zukämpfen.

 

  • Ich freue mich viel mehr über Kleinigkeiten und weiß sie zu schätzen.

 

…und genauso rege ich mich viel weniger über Kleinigkeiten auf. Denn es gibt wirklich Wichtigeres.

Wenn man mich fragen würde was mich glücklich macht, dann würde ich antworten: wenn wir einen schönen Tag mit unserer Familie hatten, die Kinder gut miteinander ausgekommen sind und alle glücklich und zufrieden wirkten.

Ich bin dankbar, wenn ich einmal bis 7 Uhr schlafen darf und nicht durch plötzliches Geschrei aus dem Schlaf gerissen werde, nach oben stürmen muss um zu Schlichten ehe Schlimmeres geschieht.

 

Ich bin glücklich wenn ich höre dass Tim einen Freund gefunden hat.

 

Ich bin glücklich und dankbar wenn ich sehe, dass Lehrer meine Kinder versuchen zu verstehen, sich in sie hineinversetzen und ihnen Hilfen anbieten wo nötig, ohne dass ich selber etwas dazu in die Wege leiten muss.

 

Und genauso bin ich nicht enttäuscht oder gar sauer, wenn eins der Kinder eine schlechte Klassenarbeit nach Hause bringt. Es ist nicht so, als seien mir schulische Leistunden mir egal. Wir sind ja nicht dumm und wissen natürlich dass ein guter Schulabschluss einem Türen öffnet, die einem sonst verwehrt werden. Aber unsere Kinder haben uns beigebracht, dass es wichtigere Dinge gibt im Leben. Wichtig ist, dass meine Kinder glücklich und zufrieden sind! Wenn ich mir also eine Klassenarbeit ansehe, dann geht es mir weniger um die Note oder Punktezahl. Ich gucke mir an was gut und was nicht so gut gemacht wurde. Und woran die Fehler gelegen haben könnten. Besteht für mich Sorge, dass unter Umständen ein besonderer Förderbedarf besteht, und muss ich deswegen aktiv werden? Hat mein Sohn ein Thema anscheinend überhaupt nicht verstanden und muss ich nicht einmal mit ihm in  Ruhe hinsetzen? Ich schaue mir Arbeiten also durchaus sehr genau an. Aber an der Note selber bin ich recht wenig interessiert, sondern eher daran, was die Art wie mein Sohn die Arbeit bearbeitet hat, mir sagt. Druck jeglicher Art ist bei unseren Kindern Gift pur. Auch wenn ich verstehen kann wenn Freunde und Bekannten mit den guten Leistungen ihrer Kinder prahlen, irgendwie haben sich unserer Prioritäten verändert. Wir wollen einfach nur glückliche Kinder, die am Leben teilhaben können! Und natürlich versuchen wir, dass unsere Kinder ihr Potential entfalten können. Aber wie und wann dies geschieht, die Geschwindigkeit und die Art und Form, da sind wir sehr entspannt geworden. Wir unterstützen, wir fördern und wir stellen sicher, dass ihnen alles ermöglicht werden kann. Aber unseren Kindern selber zeigen wir nur, dass sie genau so perfekt sind wie sie sind.

 

  • Ich bin irgendwie nachsichtiger geworden

 

Ich weiß es von mir selber. Manchmal – oft – ist es so dermaßen stressig, oder es wächst mir alles so über den Kopf, dass ich vergesse mich auf Nachrichten von Freunden und Bekannten zu melden. Ich bin dann so darauf konzentriert auf das, was wirklich gemacht werden MUSS (Termine mit Kindern, Dinge für Schule, Dinge die mich bedrücken), dass ich es tagsüber immer vor mir herschiebe, und es abends dann todmüde doch wieder vergesse. Auf dieses ‚nicht melden‘ gibt es dann immer zwei Reaktionen. Die einen kündigen mir dann die Freundschaft, weil ich mich ja auf deren Nachrichten nicht melde. Die anderen aber fragen nach. Wenn nötig auch merhfach. Sie fragen, ob alles ok ist. Ob man helfen könnne. Oder mir wird spontan ein Babysitting ‚aufgedrückt‘, wonach ich nie fragen würde aber es vielleicht genau das war was ich gerade gebraucht habe.

 

Was lehrt mich das also? Wenn sich jemand nicht meldet, dann hat es vielleicht ja gar nichts mit einem selber zu tun. Vielleicht geht es der anderen Person ja auch einfach nicht gut? Vielleicht ist sie so überfordert, dass sie nicht weiss wie man auf eine belanglose Nachricht knapp antworten kann?

 

Heute versuche ich also tatsächlich auch selber innezuhalten und zu überlegen. Wenn sich jemand nicht meldet, dann ziehe ich mich nicht beleidigt zurück sondern frage nach. Auch mehrfach. Und biete meine Hilfe an.

 

Manchmal ist auch das nicht genug, wie ich momentan feststellen muss. Wenn sich eine liebe Freundin auch monatelang auf keinste Kontaktaufnahme meldet, keine Hilfe annehmen mag, und  – wie es scheint –komplett sich von dem alten Leben und den alten Freunden zu trennen scheint, dann wäre es leicht sich einfach abzuwenden, nach dem Motto ‚na gut, dann eben nicht!‘. Doch habe ich inzwischen schon selber genug erlebt um zu wissen, das vielleicht einfach mehr dahinter steckt. Und so gebe ich nicht auf.

 

  • Aber genauso bin ich auch ziemlich hart geworden mit Freunden und Bekannten. Ich brauche nicht nur sehr viel Zeit, sondern auch sehr viel Geduld und Energie für meine Familie. Leute, die mir nicht gut tun, von denen trenne ich mich viel leichter als früher. Wenn ich mich nach Treffen mit Bekannten irgendwie immer eher ‚down‘ fühle, oder wenn Leute insgesamt eher eine negative Einstellung zum Leben haben und gerne über andere herziehen, dann raubt mir das wahnsinnig viel Energie. Früher hätte ich das so hingenommen. Heutzutage breche ich den Kontakt viel eher ab, um die Energie aufzusparen für meine Liebsten.

 

Denn meine Liebsten, meine Familie, sind letztlich das einzige was zählt. Und die sollen glücklich sein.

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