Ab in den Urlaub

Wenn die meisten Leute kurz vor dem Urlaub stehen freuen sie sich auf die bevorstehende Abwechslung, Entspannung und Freizeit. Freunde und Bekannte wünschten mir also auch jetzt einen ‘erholsamen Urlaub’. Ich bedankte mich brav, wusste aber, dass es bei einem gemeinsamen Urlaub mit Tim nie um ‘Erholung’ oder ‘Entspannung’ geht. Ja, worum geht es? Natürlich möchte ich gerne etwas Zeit nur alleine mit meinem Großen verbringen können, und ihm auch die Gelegenheit geben in seiner alten Heimat sein Englisch wieder aufbessern zu können. Aber damit ein Urlaub mit Tim auch einigermaßen erfolgsversprechend sein kann, ist es erforderlich alles sehr genau zu planen. Und immer einen ‘Plan B’, eventuell auch ‘Plan C’ in der Tasche zu haben. Genauso ist es nötig sich selbst immer wieder zu Geduld und Nachsicht zu ermahnen….aber fangen wir am Anfang an…

Die Hinreise

Abflug

Tim war sehr aufgeregt aber voller Vorfreude. Michael brachte uns zum Flughafen, um sich ordentlich verabschieden zu können. Tim war hibbelig, aber gut gelaunt. Die Warterei war natürlich schwer, aber irgendwann war es dann soweit und wir durften – als die allerersten – ins Flugzeug einsteigen. Der Abflug ließ mein Mutterherz aufgehen, denn es zeigte eine von Tims wunderschönen Eigenschaften: sich für Dinge zu begeistern, und dies auch ganz offensichtlich und laut zu zeigen. Als Baby ist er zwar ständig mit mir zwischen England und Deutschland hin und hergependelt, aber dies war der erste Flug, den er ganz bewusst erlebte. Als das Flugzeug dann anfing zu beschleunigen, guckte Tim gebannt nach draußen und fing an laut vor Begeisterung zu schreien, quietschen und zu lachen. Nach dem Abflug wurde ihm dann schnell langweilig und die Enge des Sitzplatzes schien ihm zu schaffen zu machen. Also fing er an den Sitz vor sich ordentlich zu treten und laute Geräusche von sich zu geben. Zum Glück hatte ich vorgesorgt und meinen iPad samt Kopfhörern griffbereit. Und so hörte sich Tim für den Rest des Fluges Die ??? Kids an und entspannte sich deutlich.

Ankunft in London

London In London angekommen empfing uns Regen. Es war offensichtlich, dass Tim schon sehr kaputt war, was sich dadurch bemerkbar machte dass er wieder sehr am ‘tickern’ war und anfing, sich in Warteschlagen durch Lautieren und sich auf den Boden legen auf sich aufmerksam zu machen. Aber wir mussten noch einmal quer durch London fahren, um zu unserer Jugendherberge, direkt an der St Paul’s Cathedral, zu gelangen. Rückblickend hat Tim dies wirklich ganz toll gemeistert, wenn man bedenkt dass er müde war und ihm fremde Situationen und auch Menschenmassen nicht sonderlich gefallen. Für mich – auch müde und angestrengt – war es trotzdem stressig und schwierig Tim’s Geräusche und Gehibbel zu ignorieren. Ich musste mich selber erstmal zurechtfinden, U-Bahn Karten kaufen, die richtige Linie finden, umsteigen, und dann den Fußweg zur Herberge finden. Und gleichzeitig darauf zu achten, dass Tim durch seine Tics andere Leute nicht zu sehr stört oder gar weh tut. Denn gerade durch den einen Tic – das sich selber in den Po treten – hat er auch mich schon einige Mal richtig heftig versehentlich am Schienbein erwischt. In der Jugendherberge angekommen bekamen wir unser Familienzimmer zugewiesen. Das Familienzimmer war besonders ‚familienfreundlich gelegen‘ – in der obersten Etage, und dann noch einmal quer durch das ganze riesige Gebäude. Und natürlich ohne Fahrstuhl. Ich hatte extra darauf geachtet dass es WLAN gibt, damit Tim hin und wieder seine Lego Rezensionen auf YouTube gucken könnte, denn das hilft ihm wirklich sehr, um nach stressigen Situationen wieder runter zu kommen. Und das eine eng10Großstadt wie London für ihn (und wohl jedes andere Kind) extrem stressig sein würde war ja klar. Wir hatten zwar keinen Luxus erwartet, waren aber doch sehr ernüchtert von dem Standard der sich uns bot. Unser Zimmer bestand aus einem alten Metall Etagenbett, und ca. 1qm Bodenfläche. Man konnte sich praktisch überhaupt nicht im Zimmer aufhalten, was für mich wirklich ein Problem war, da ich so Tim nie die Gelegenheit geben konnte sich mal richtig zurückziehen zu können. Das bedeutet also, dass wir uns in den Gemeinschaftsräumen hinsetzen mussten. Und dort musste ich wiederum Tim mehr oder weniger mit dem iPad ruhigstellen, da es ihn so sehr stresste, dass er extrem laut am Lautieren war. Die widerlichen, nicht richtig spülenden Toiletten hat Tim erstaunlicherweise viel besser hingenommen als ich selber. Zum Glück würden wir nur die erste Nach dort verbringen ehe wir am Folgetag nach Norfolk zu meiner Freundin weiterfahren würden, und die Zeit bis dahin haben wir gut genutzt. Die Lage der Herberge war wirklich einzigartig, in Fußentfernung zur St Pauls Cathedral, und zu einigen anderen Attraktionen wie auch dem London Eye und Houses of Parliament.

Sightseeing

Das London Eye war eins der Dinge, die Tim sich vorher ausgesucht hatte die er unbedingt erleben wollte. Ich war darüber sehr überrascht, da Tim Höhenangst hat und sich bisher noch nicht einmal auf ein normales Riesenrad getraut hat. Wir liefen also am nächsten Morgen zum London Eye. Ich hatte mich schon vorher erkundigt ob es irgendwelche Vergünstigungen mit seinem Behindertenausweis geben würde, bzw. ob es Regelungen gibt was die Warteschlangen angeht. Es gibt beim London Eye, wie bei vielen Attraktionen auch, die Möglichkeit sich ein Fast Track Ticket zu kaufen, welche besonders mit autistischen Kindern wirklich Gold wert sind. eng3Und da man hier problemlos Tims Behindertenausweis akzeptiert hat, brauchte ich nur ein fast Track Ticket für Tim zu kaufen, und ich kam kostenlos als seine Begleitperson mit. So mussten wir statt sicherlich einer Stunde nur höchstens 15 Minuten auf unsere Gondel warten. Wie erwartet setzte Tims Höhenangst ein. Ich versuchte ihn immer mal wieder an die Fenster zu locken, um den tollen Blick über London sehen zu können, aber er klammerte sich an seinen – zum Glück eingesteckten – Teddy und wartete darauf wieder aussteigen zu können. Es tat mir schon Leid für ihn, da dies eine Sache war auf die er sich so sehr vorher gefreut hatte. Aber letztlich musste es das gar nicht, denn Tim war danach so stolz auf sich selber, dass er tatsächlich in ein so großes Riesenrad eingestiegen war. Und dass ich sogar Bilder davon als Beweis habe.
Hiernach war es auch schon Zeit für uns in der Herberge auszuchecken und uns auf den Weg zum Bahnhof zu machen. Beim Auschecken habe ich auch gleich unsere Buchung für die Folgewoche storniert; stattdessen würden wir uns für die letzten zwei Nächte vor unserem Abflug dann ein ‘normales’ Hotel suchen.eng4
Wenn ich die ersten 1.5 Tage in London reflektiere hat es Tim wirklich ganz toll gemeistert! Andere Kinder in seinem Alter hätten vielleicht gemault und wären quakig gewesen, da es ja wirklich anstrengend war. Tim hat sich kein einziges Mal beschwert, hat tapfer seinen eigenen Koffer und Rucksack geschleppt, hat sich mit dem unschönen Hostelzimmer abgefunden und ist überall hin zu Fuß gegangen. Natürlich war es deutlich zu sehen, dass er angestrengt und teilweise auch sehr gestresst war, was er eben auf seine Art und Weise durchscheinen ließ. Aber beklagt hat er sich kein einziges Mal!

Weiterfahrt nach Norfolk

Die Zugfahrt von London nach Kings Lynn verlief ruhig. Allerdings auch nur weil wieder mein iPad zum Einsatz kam. Die Woche bei meiner Freundin war dann doch sehr gemischt. Die ersten zwei Tage waren sehr schön. Tim hat es einfach toll gemeistert, sich in einer für ihn komplett fremden Familie zurechtzufinden. Er freundete sich mit den jüngeren beiden Kindern (3.5 und 6) an und hatte sichtlich Spaß. Auch kam er ganz schnell wieder in die englische Sprache und verständigte sich mit allen ohne jegliche Schwierigkeiten.

eng6Je wohler er sich dort jedoch fühlte, desto mehr kam auch sein dominantes und schwieriges Verhalten zum Vorschein, so dass es für mich immer schwieriger und stressiger wurde. Tim hat generell die Neigung anderen Leuten gegenüber sehr distanzlos zu sein. Ob es nun unangebrachte Bemerkungen sind, oder das ständige Anfassen und zu nahe kommen anderer Leute. Und gerade in Momenten in denen er sich eigentlich wünscht viel Platz für sich zu haben, und die direkte Nähe zu anderen ihn stresst, kann er es nicht lassen die Person neben ihn ständig anzufassen und auch bewusst zu provozieren. So wurden Autofahrten mit den drei Kindern auf der Rückbank zur Tortur. Letztlich mussten wir dazu übergehen, eines der Kinder nach vorne zu setzen, und ich setzte mich hinten zwischen Tim und den jüngsten Sohn meiner Freundin.

Nach vier Tagen in Norfolk hatte sich die Situation so hochgeschaukelt, dass ich aus dem Schimpfen, Zurechtweisen, körperlich fixieren und gestresst sein gar nicht mehr rauskam. Und das machte mich unendlich traurig. Für mich, aber auch für Tim, denn auch er hatte sich auf diese aufregende Reise mit mir so sehr gefreut. Ich wollte doch nicht unseren gemeinsamen Urlaub nur mit Schimpfen verbringen, und das ist dann das was Tim in Erinnerung bliebe.
Also habe ich abends verkündet, dass Tim und ich am folgenden Tag nicht mit auf den geplanten Tagesausflug kommen sondern den Tag ganz für uns alleine eng7verbringen würden. Ein ‘reset’ praktisch. Und das war genau die richtige Entscheidung! Es war ein wunderschöner, entspannter Tag, den sowohl Tim als auch ich richtig genossen haben. Wir sind in aller Ruhe zu Fuß durch das Dorf bis zum Strand gelaufen. Eine Strecke für die wir fast eine Stunde brauchten, aber auch hier beschwerte sich Tim kein einziges Mal. Stattdessen erzählte er vergnügt pausenlos, und ich sah wieder den glücklichen, unbeschwerten Sohn den ich die Tage zuvor so vermisst hatte. Wir gönnten uns ein großes Eis und spazierten am Wasser entlang. Erstaunlich war für mich, dass urplötzlich sämtliche Tics verschwunden waren! Tim war einfach nur entspannt. Der Rest des Tages verlief ähnlich entspannt, und es war wirklich genau das, was wir beide gebraucht hatten.

Die letzten paar Tage in Norfolk waren dann wieder eher schwierig. Die Tics waren wieder da, es wurde viel geschrien von Tims Seite aus, und ich freute mich schon auf unsere Abreise. Tim fiel der Abschied, trotz großer Schwierigkeiten mit den Kindern, schwer, aber auch er war gespannt was ihn nun noch in London erwarten würde. Er hatte sich wieder selber aussuchen dürfen, wie wir unsere letzten beiden Tage verbringen würden.

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Wie wir unsere letzten paar Tage in England verbracht haben erfahrt ihr im nächsten und letzten Bericht unseres Urlaubs.

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