Es ist Mitte September, und die Sommerferien sind vorbei. Da die vergangenen sechs Wochen ein wahres Wechselbad der Gefühle waren – von Stolz, Neid, Verzweiflung, Glück, Scham, Unsicherheit, Schuldgefühle und alles dazwischen – habe ich beschlossen ein kleines Resümee dieser Zeit zu schreiben, ehe ich mich wieder dem nächsten Teil von Oskars ‘Geschichte’ widme.

Schon zum Ende des Schuljahres merkte man, dass Tim mit seinen Kräften am Ende war. Das an sich ist nicht unnormales und ich kenne es von praktisch allen Schulkindern in meinen Klassen. Doch bei Tim äußerte es sich nicht nur in zunehmend wieder schwierigen Verhaltensweisen, sondern auch dadurch, dass er sich fast täglich neue Tics angewöhnte.

Normalerweise haben wir recht selten mit Tics zu tun. Hin und wieder war da mal der ein oder andere, der aber recht schnell auch wieder nachließ. Doch dieses Mal war es anders. Nur das Zusammensein mit Tim bedeute Stress, da er ununterbrochen am Tickern war. Sei es das beim Laufen ständige Abknicken und auf der Straße schrabsen seiner Schuhe, oder das sich urplötzlich, mit starker Wucht sich selbst in den Po treten, einen bestimmten Laut von sich geben, oder Hände und Finger dehnen, Fingerkuppen gegen harte Oberflächen drücken….er kam aus dem tickern gar nicht raus.

Vor Ferienbeginn dachte ich (und auch sein Integrationsteam), dass sich die Tics mit Anfang der Ferien wie von selbst legen würden. Aber das Gegenteil war der Fall.

Von Zeugnissen und Kindergeburtstagen

Dabei hörte das Schuljahr eigentlich sehr positiv auf! Sein Zeugnis war ein wirklich gutes. ZeugnismappeNatürlich wurde auf einige Schwächen hingewiesen, die allesamt nichts mit eigentlichen schulischen Leistungen zu tun hatten. Aber überall wurde auch betont, dass es bezüglich dieser ‘Schwachstellen’ schon eine positive Verbesserung gegeben habe. Wir bekamen den Eindruck, dass es Tim an seiner Schule gut geht, er von Lehrern und Mitschülern gemocht und akzeptiert wird.

Für uns kam als großer Meilenstein sogar eine Geburtstagseinladung für Tim. Ich weiß gar nicht, für wen dieser Meilenstein größer war – für uns Eltern oder für Tim. Tim freute sich, und wollte auch gerne hingehen. Für uns Eltern stellte sich sofort die Frage: was machen wir? Geht Tim alleine hin? Geht einer von uns mit? Auf der einen Seite sehen wir selber, dass es für andere extrem seltsam aussehen muss, wenn wir unseren 7-jährigen Sohn zu einem Kindergeburtstag begleiten. Wir haben aber eine unheimliche Angst davor, was passieren könnte. Und da dies die allererste Einladung war, die Tim wahrnehmen konnte, wollten wir umso mehr, dass es für ihn ein Erfolg wird. Über die Familie des Geburtstagskindes wussten wir so gut wie nichts, konnten also nicht wissen, wie sie mit etwaigen Schwierigkeiten umgehen würde bzw. könnten. Wir wussten auch nicht genau, was geplant war – wird im Haus gefeiert, wo Kinder leicht überdreht werden können, was wiederum nie gut geht mit Tim, da er in solchen Situationen oft Sachen missversteht? Michael und ich beschlossen, ganz mutig und vor allem tapfer zu sein. Michael würde Tim so zur Feier fahren, dass er als erster ankommt damit nicht so viel Trubel ist. Dann würde er sich einen Überblick verschaffen, wie viele Kinder kommen, was geplant ist etc. Und wenn er selber ein gutes Gefühl hat, würde er Tim dort alleine lassen und selber zum Sport gehen, der dort in der Nähe ist. Und so geschah es dann tatsächlich. Tim blieb alleine bei seinem ersten Kindergeburtstag. Und das tollste ist, das alles gut geklappt hat. Ich war einfach nur glücklich und stolz. Für und auf Tim, aber auch auf uns, dass wir uns diesen Schritt getraut haben.

Die ersten zwei Ferienwochen

Oskar und Frederik hatten im ersten Teil der Sommerferien weiterhin Kindergarten. Auf der einen Seite war ich sehr dankbar darüber, denn Tim mit den beiden anderen zuhause zu haben ist nach wie vor oft noch eine große Herausforderung. Der eigentliche Vormittag mit Tim war auch tatsächlich sehr entspannt, doch war ich dennoch schon vor 9 Uhr morgens schweißgebadet und endlos gestresst. Warum? Weil Tim mit musste, um Oskar und Frederik zum Kindergarten zu bringen. Schon auf dem kurzen Weg dorthin ließ er insbesondere Oskar nicht in Ruhe, stellte sich ihm absichtlich in den Weg, rannte in ihn hinein, haute ihn, sagte gemeine Dinge zu ihm…. Man merkte richtig, wie sich Stress in Tim aufbaute. Im Kindergarten angekommen ließ Tim dann zwar von Oskar ab, lief aber wieder ein kopfloses Huhn im Raum herum, stieß Laute von sich, was wiederum viele Blicke auf uns zog. Ich versuchte jeden Morgen (und dasselbe Spiel mittags beim Abholen) so schnell wie möglich wieder aus dem Gebäude zu entfliehen, und brauchte dann erst einmal eine gute halbe Stunde, bis sich mein Stresslevel wieder normalisierte. Nachmittags hatte ich dann zumindest hin und wieder etwas Unterstützung, so dass ich die erstaunlich gut überlebte.

Tim fragte bereits nach drei Tagen Ferien, wann denn endlich die Schule wieder anfangen london planenwürde! Und es ist ja auch ein wenig verständlich. 1. tut ihm der feste Ablauf der Schule gut, und 2. war ihm zu Hause natürlich auch langweilig. Denn für mich ging trotz der Ferien ja der Alltag weiter. Der Hund musste spazieren gehen, ich musste einkaufen oder sauber machen oder Erledigungen in der Stadt machen. In dieser Zeit habe ich viel Neid und Traurigkeit verspürt, denn wo ich auch hinsah oder hinhörte, erfuhr ich bei was für tollen Ferienaktivitäten andere Kinder angemeldet waren. Es ist ja nicht so als ob Tim kein Interesse daran gehabt hätte, z.B. an einem Fußballcamp mitzumachen. Doch hätte ich ihn dort nie anmelden können, da er in der Ferienzeit ja keine Integrationshelfer an seiner Seite hat. Seine Schule bietet auch für die Hälfte der Ferien immer eine Ferienbetreuung an. Tim hat schon mehrfach nachgefragt, ob er da nicht auch hinkönne, da viele seiner Schulkameraden dort auch sind. Aber auch da habe ich dasselbe Problem, dass Tim dort nicht hindarf, da er nur zu Schulzeiten von Integrationshilfen betreut wird. Und so muss er tatsächlich die gesamten sechs Wochen mit mir zu Hause verbringen, was sowohl für ihn als auch für mich eine große Herausforderung ist.

Ich frage mich immer ob anderen Familien eigentlich klar ist was für einGlück sie haben, dass sie ihre Kinder – solange das nötige Geld vorhanden ist, natürlich- bei jeder beliebigen Ferienaktivität anmelden können. Oder ob sie sich dessen bewusst ist wie ich mich fühle, wenn mir Dinge nebenbei gesagt werden wie ‘Puh, ich werde xy zwei ganze Wochen in den Ferien zu Hause haben. Bei aller Liebe, aber das ist mir echt zu viel. Ich werd ihn wahrscheinlich für eine der Wochen zu meiner Mutter bringen’. Ja, wie fühle ich mich dabei? Ich kann es schwer beschreiben. Und übelnehmen kann ich es ja eigentlich auch niemandem, dass sie sich nicht darauf freuen zwei Wochen lang Alleinunterhalter für ihr Kind spielen zu dürfen. Aber es sind eben nur zwei Wochen, nicht sechs. Und sie hat ein normales Kind, welches sie theoretisch überall anmelden könnte und vor allem einfach mal so zu ihrer Mutter bringen kann. Ja, ich fühlte Neid. Und auch eine große Traurigkeit, die aber in erster Linie Tim galt, der so gerne bei Aktivitäten mitgemacht hätte.

In diesen ersten zwei Wochen haben wir auch angefangen unseren bevorstehenden Urlaub in England zu planen. Es war klar zu spüren wie aufgeregt und nervös Tim diesbezüglich war. Ich denke aus verschiedenen Gründen.

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Er würde nur mit mir verreisen und wusste, dass er seinen Papa und Brüder vermissen würde. Außerdem war es ja für ihn, trotz gemeinsamer Planung, eine große Ungewisse. Er hat zwar selber entschieden, was er in London unbedingt sehen möchte, aber was ihn tatsächlich erwarten würde, das konnte er ja nicht wissen. Auch wusste er, dass wir eine Woche lang bei meiner Freundin in Norfolk verbringen würden. Und meine Freundin, die selber auch ein Kind mit Asperger hat, hat tolle Vorarbeit geleistet, indem Sie Tim von jedem ihrer drei Kinder hat Briefe zukommen lassen, in denen sie sich selber beschrieben haben, samt Bild. Aber trotz alledem konnte Tim nicht wissen, was genau auf ihn zukommt. Und das muss wirklich sehr angsteinflößend für ein Kind wie Tim sein, der alles immer ganz genau wissen muss. Es kommt nicht von ungefähr, dass Tim mir immer mal wieder sagt dass er gerne eine Kugel hätte, mit der er in die Zukunft schauen kann.

 

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Ich wusste, dass ich alles getan hab, um vorzeitig und klug zu planen, und Tim möglichst viel Sicherheit zu geben was unseren Urlaub angeht. Ich konnte nur hoffen, dass es ausreicht und der Trip ein Erfolg wird.

Über unseren England Urlaub und auch den Rest der Ferien werde ich im nächsten Beitrag berichten. Nur soviel sei schon einmal vorausgesagt: Rückblickend hat sich der Urlaub gelohnt 😉

 

 

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