Kaputte Duschkabine

Es gibt eigentlich selten Zeiten in denen nicht mindestens eine Sache ganz extrem verweigert wird. Vor 2 Monaten etwa war es das Aufräumen des Zimmers vor dem Schlafengehen. Oder vor Kurzem plötzlich das Frühstücken.

 

Ja, und seit einem guten Monat war es das Duschen. Es gab eigentlich nie Probleme mit dem Duschen bzw. Baden. Quatsch, ich lüge – als Tim 4 oder 5 Jahre alt war, und er noch enorme Schwierigkeiten mit Übergängen jeglicher Art hatte, da gab es auch immer Geschrei. Erst ganz laut, weil er nicht in die Badewanne wollte. Und dann noch lauteres Geschrei, weil er nicht aus der Wanne rauswollte, obwohl das Wasser längst eiskalt geworden war.

 

Auf Spurensuche

 

Wir hatten nie das Gefühl, dass ihm das Duschen oder Baden unangenehm ist, wie es ja durchaus bei vielen Autisten der Fall ist. Deswegen konnten wir auch nicht verstehen, warum Tim plötzlich so ein riesiges Theater machte, nur um nicht duschen zu müssen.

Also haben wir angefangen, ganz feste Duschtage zu haben. Das Problem war bloß, dass es eben auch mal Tage gibt an denen alles anders läuft, Tim an dem vorgesehenen Tag nicht duschen konnte sondern erst am Folgetag. Und das wiederum gab ihm dann beim nächsten Duschen Munition zur Verhandlung. ‘Letztes Mal durfte ich ja auch am nächsten Tag duschen…..‘.

 

Wieder haben Michael und ich uns nach einem heftigen Meltdown wegen des Duschens abends zusammen gesetzt und überlegt wie man es Tim leichter machen kann. Gut, dachten wir, vielleicht überfordert ihn abends – wenn er eh müde ist – dass er nicht nur duschen sondern auch noch aufräumen muss. Also haben wir vorgeschlagen, statt abends morgens zu duschen, um die Anforderungen an ihn abends zu reduzieren. ‚tolle Idee‘, fand er…abends, als er dann nicht duschen musste. Am nächsten Morgen hatten wir dann aber dasselbe Theater wie vorher abends.

 

Wir spürten wirklich seine Verzweiflung. Wie er eigentlich weiß, dass er will, aber irgendwie nicht kann. WENN er dann nämlich endlich unter der Dusche stand, dann war alles gut!

 

Dumm ist er ja nicht. Tim hat schon selber einige Artikel und Bücher über Autismus gelesen. Wenn wir also versucht haben herauszufinden, was denn nun sein Problem ist, dann gab er uns Antworten wie ‚Das Wasser tut meiner Haut weh‘, oder ‚Das Wasser ist zu heiß/kalt/hart/weich‘. Also haben wir den Duschkopf verstellt – in Höhe aber auch in der Art wie das Wasser herauskommt. Kein Unterschied zum abendlichen Theater.

 

Besonders einfallsreich fand ich aber den Vorschlag von Tim, er würde ja duschen! Wenn das Wasser von unten käme statt von oben. Wie in einem Springbrunnen. Nun, auch wenn das einen Unterschied gemacht hätte, so wäre es und eh nicht möglich gewesen es für Tim umzusetzen.

 

Ich begab mich auf die Suche nach einer Lösung. Egal wo ich war, was ich machte, ich dachte währenddessen nach. Denn dieses Duschen zerstörte einen jeden Tag, da die Meltdowns wirklich extrem heftig waren. Inzwischen bin ich ja zum Glück recht gut verlinkt. Nicht nur zu anderen Eltern autistischer Kinder, sondern auch zu anderen Autisten. Besonders Letzteres hat mir schon in vielen Dingen geholfen, Tim und auch Oskar besser zu verstehen.

 

Ideen

 

Also schilderte ich unser Problem in einer der Gruppen, in denen ich bin. Es wurde schnell klar, dass Tims großes Problem der Übergang zum Duschen ist. Als Möglichkeiten ihm das zu erleichtern bekam ich wirklich tolle Ideen, von denen ich zwei auch direkt umgesetzt habe.

  1. Ein neuer Duschkopf. Einer der nicht nur sehr sanft das Wasser auf sein ‚Opfer‘ versprüht, sondern währenddessen auch noch Farbe wechselt.

  1. Ein Bluetooth Lautsprecher für die Dusche, damit Tim während des Duschen seine Lieblingsbands, Revolverheld oder Queen, hören kann.

 

 

 

Wie wurden die Veränderungen angenommen?

 

Ja, also beide Veränderungen haben wie eine Bombe eingeschlagen. Denn ab sofort wollten Oskar und Frederik nicht mehr baden sondern duschen! Für Tim hat es leider keinen Unterschied gemacht. Der erste Abend endete damit, dass der alte Duschkopf in der Tür der Duschkabine landete…

 

Für mich stand da fest, dass es eine Kombination des Übergangs und des ‚es wird von mir erwartet dass ich dusche! Da muss ich mich gegen wehren‘ war…..was wieder in einer schlaflosen Nacht endete.

 

Immerhin stand ich morgens mit einer Idee auf: Oskar und Frederik lieben den Duschkopf und die Musik beim Duschen. Tim, wiederum, denkt momentan nur ans Minecraft spielen und hat seine ‚Computer Zeit‘ schon immer viel zu früh verspielt. Warum das nicht ausnutzen?!?

 

Kurz mit Michael besprochen verkündeten wir beim Frühstück eine kleine Regeländerung. Ab sofort kann man sich mit dem Duschen 10 Minuten Minecraft Zeit verdienen!

 

Der Abend kam und Tim war wenig motiviert in die Dusche zu steigen. Bis Frederik unter der Duschen stand. Und dann Oskar. Und klar war, dass die beiden nun 10 Minuten Minecraft spielen dürfen. Und…schwupps…stand auch Tim unter der Dusche.

 

Ich mag irgendwie noch nicht so recht daran glauben, dass es das nun war, aber seit Einführung der neuen Regel hatten wir keine Verweigerung mehr was das Duschen angeht. Es gab zwar ein paar Abende, an denen Tim anfangs sagte er würde nicht duschen, und es sei ihm egal, dass er dann keine 10 Minuten am Computer bekommen würde. Doch wenn er sah, dass Oskar und Frederik sich aber sehr wohl Zeit verdient hatten, dann stand er auch ganz schnell unter der Dusche.

 

Und so werden Geschwisterkinder irgendwie, ohne dass sie es merken, zu Co-Therapeuten, bzw. Helfern. Ohne Oskar und Frederik hätten wir dies definitiv nicht so schnell in den Griff bekommen.

 

Wie schon oben geschrieben, irgendetwas gibt es eigentlich immer, was gerade aus irgendeinem Grund ein großes Problem ist. Die Ursache dafür herauszubekommen, und dann auch noch sich eine geeignete Lösung zu überlegen, dass ist oftmals gar nicht so einfach.
Wahrscheinlich haben wir noch nicht einmal die Ursachen herausgefunden, aber Tim immerhin eine Hilfestellung gegeben, um sein derzeitiges Problem zu bewältigen.

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Long may it last 😉

 

 

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