Folgende Zusammenfassung ist eine Übersetzung der Texte Features of PDA und Other related characteristics von der PDA Society, mit einigen Anpassungen an die neuesten Erkenntnisse von Elizabeth O’Nions vom University College London. Ich bedanke mich an dieser Stelle ganz herzlich bei der PDA Society, Liz O’Nions, Ruth Fidler und Phil Christie für die Genehmigung, die Texte zu übersetzen. Außerdem bedanke ich mich bei Liz O’Nions und ihrer Kollegin Vanessa Puetz für die tatkräftige Unterstützung bei den Übersetzungsarbeiten. Die Forschung über PDA steckt noch in den Kinderschuhen, relativ betrachtet, so dass es natürlich noch viele Unsicherheiten gibt, die mit der Zeit dann hoffentlich besser erforscht und abgeklärt werden können.

 

1. Zwanghaftes Wehren gegen alltägliche Anforderungen

 

Dies ist das Hauptkriterium für eine Diagnose. Menschen mit PDA sind Experten auf dem Gebiet der Vermeidung von Anforderungen – sie scheinen einen unheimlichen Druck von alltäglichen Erwartungen zu verspüren. Es ist oft nicht die Aktivität selber, die diesen Druck auslöst, sondern die Tatsache, dass es eine andere Person ist, die von ihnen erwartet diese auszuführen. Die Reizschwelle und Toleranz einer Person mit PDA kann von Tag zu Tag oder gar von einem Moment auf den Anderen variieren. Es ist wichtig zu erkennen, dass, je gestresster jemand mit PDA ist, desto weniger er mit Anforderungen an sie zurecht kommt. Kinder mit PDA nutzen eine Bandbreite an Taktiken, um Anforderungen jeglicher Art an sie aus dem Weg zu gehen, und diese beinhalten meist auch soziale Manipulation. Diese Taktiken reichen von einfacher Verweigerung, Ablenkung, Ausreden, Verzögerungstaktiken, Diskutieren, Alternativen vorschlagen bis hin zu sich in eine Fantasiewelt zurückziehen. Manchmal widersetzen sie sich auch, indem sie behaupten physisch unfähig zu sein (oft begleitet von Erklärungen wie “meine Beine funktionieren nicht” oder “meine Hände sind aus Lava”). Wenn man sie zwingt kann es sein, dass sie verbal oder körperlich aggressiv werden, begleitet von extremen Verhaltensausbrüchen, die am besten als “Panikattacke” beschrieben werden können.

 

2. Nach außen hin gesellig erscheinen, jedoch bei fehlendem tieferen Verständnis von sozialen Zusammenhängen (Eltern erkennen dies oft schon sehr früh)

Menschen mit PDA scheinen oft sehr gesellig und zeigen einen gewissen Grad an Empathie, von dem man zuvor dachte, dass es nicht mit Autismus übereinstimmen würde. Manchmal scheint es, dass sie in der Lage sind, andere Menschen auf einer intellektuellen Ebene zu verstehen, jedoch nicht auf einer emotionalen Ebene. Doch obwohl sie soziale Feinheiten zu nutzen scheinen, ist ihre soziale Interaktion oft fehlerhaft durch ihre Unfähigkeit, das komplexe soziale Zusammenhänge zu erkennen, und durch ihre Distanzlosigkeit und ihr Verlangen nach ständiger Kontrolle. Regeln verstehen sie meist, doch haben sie das Gefühl, dass diese nicht für sie selber gelten. Bei Kindern führt dies häufig zu Schwierigkeiten unter Gleichaltrigen. Eine Mutter beschrieb, wie ihr Sohn keine Probleme damit hatte sich vor anderen wie deren Mutter aufzuführen – “hast du deine Hände gewaschen?” oder “Ellenbogen vom Tisch!” – aber gleichzeitig nicht das Gefühl hat, sich an dieselben Regeln halten zu müssen.
Im Erwachsenenalter können weiterhin Probleme im Ausbildungs- und Arbeitsalltag auftreten, doch einige Erwachsene mit PDA meistern beide Bereiche erfolgreich.

 

3. Extreme Stimmungsschwankungen, die oft ganz plötzlich auftreten

Menschen mit PDA können, durch ihr ständiges Bedürfnis alles selber bestimmen zu wollen, von einem Gemütszustand sehr schnell zum anderen Extrem wechseln (z.B. von zufrieden zu aggressiv). Dies kann eine Reaktion auf wahrgenommene Erwartungen an sie sein. Ein Elternteil beschrieb ihren 17-jährigen Sohn mit PDA als “er malt sich immer den schlimmsten Fall der Fälle aus”, was dann häufig der Auslöser für Wut-oder Gewaltausbrüche ist.

 

4. Sich wohl fühlen (manchmal zu einem extremen Ausmaß) in Rollen- und „so tun als ob“ Spielen

Wenn sie jünger sind, spielen Kinder mit PDA oft Rollenspiele auf einem Level, das für Kinder mit Autismus oder Asperger ungewöhnlich ist. Menschen mit PDA sind sehr gut darin, Rollen und Stile anderer anzunehmen. Das klassische Beispiel sind Kinder, die sich verhalten, als ob sie die Lehrer andere Kinder wären. Eine Mutter beschrieb, wie ihre Tochter mit einer Klasse von 30 oder mehr imaginären Kindern fertig wurde, und wie sie sich über ‘ihre Schüler’ äußerte und mit ihnen sprach. Im Extremfall können die Kinder so vertieft in diesen Rollen spielen, dass sie sich darin verlieren, und somit Realitätsverlust erleiden.

 

5. Sprachverzögerungen, anscheinend infolge der Passivität, die aber meist wieder sehr gut aufgeholt werden

Obwohl Menschen mit PDA im frühen Alter eine Sprachverzögerung haben können, wird diese häufig bemerkenswert und sehr plötzlich aufgeholt. Einige Elemente der Kommunikation sind eventuell nicht so gestört wie sie es bei Autismus oder Asperger-Syndrom sein können, häufig mit besserem Augenkontakt (außer es werden Anforderungen vermieden) und besserem Timing in Unterhaltungen. Einige Sprachschwierigkeiten bleiben aber, wie z.B. Dinge wörtlich zu verstehen, und Sarkasmus und Neckereien misszuverstehen. Als extreme Form der Vermeidung entwickeln einige Kinder in vielen Situationen selektiven Mutismus, obwohl ihre Eltern wissen, dass sie sehr wohl sprechen können wenn sie es wollen.
Einige Studien suggerieren außerdem, dass Kinder mit PDA Schwierigkeiten damit haben, Sarkasmus oder Neckereien zu verstehen.

 

6. Zwanghaftes Verhalten, welches sich oft auf Menschen anstatt auf Dinge konzentriert.

 

Die Art der Vermeidung, die beschrieben wurde, hat oft mit der Fixierung auf eine bestimmte Person (oder auch ein Objekt) zu tun. Diese Fixierung ist bei jedem unterschiedlich, ist aber häufig sozial ausgeprägt. Manchmal können diese Fixierungen (wenn sie sich auf bestimmte Personen beziehen) problematisch und dominierend für diejenigen werden, auf die sich diese Fixierung richtet.

Weitere in Beziehung zu PDA stehende Eigenschaften

 

Sensorische Empfindlichkeiten

Genau wie bei Autismus und dem Asperger-Syndrom, können Menschen mit PDA oft Über- oder Unterempfindlichkeiten in jedem ihrer Sinne haben: Sehen, Riechen, Schmecken, Fühlen oder Hören.

 

Andere Diagnosen und Überlappungsbereiche

PDA wird oft neben anderen Diagnosen gestellt, wie ADHS, Legasthenie, Dyspraxie und ASS. Dies kann aufgrund von überlappenden Symptomen sein, aber auch wegen einer gewissen Unsicherheit, was die Diagnose PDA angeht. Einige werden bereits Diagnosen wie Autismus, ASD, oder atypischer Autismus haben, ehe sie die Diagnose PDA erhalten. PDA kann auch neben allgemeineren vorliegenden Lernschwierigkeiten vorkommen, und manchmal kann die scheinbare Redefertigkeit von Menschen mit PDA echte Verständnisschwierigkeiten verbergen.

In Großbritannien wird häufig von einer ‚Autismus Spektrum Störung mit PDA Eigenschaften‘ gesprochen, wenn eine Diagnose nicht ganz klar ist.

 

Schwere Verhaltensstörungen

Ein großer Anteil der Menschen mit PDA haben große Probleme damit, ihre Gefühle zu beherrschen. Im Kindesalter kann sich dies in Form von lang anhaltenden Wutanfällen und Gewaltausbrüchen zeigen, sowie weniger dramatischen Vermeidungsstrategien wie Ablenkungsmanöver (wie Ausreden usw.). Es ist äußerst wichtig, dass diese Ausbrüche als extremer Angstzustand oder “Panikattacken” erkannt werden und als solcher behandelt werden, mit Zusicherung, Beruhigungsstrategien und Deeskalationstechniken.

Kinder mit PDA können manchmal Zuhause sehr angespannt wirken, schaffen es aber in der Schule recht ruhig und passiv zu bleiben (eine erlernte Bewältigungsstrategie). In solchen Situationen können sich Eltern sehr einsam, isoliert und minderwertig fühlen, da sie das Gefühl haben, die Ursache des Problems zu sein. In anderen Fällen sind die Ausbrüche in der Schule weitaus schlimmer als Zuhause, da in der Schule Anforderungen an die Kinder oft viel größer sind. Dies wiederum kann schon sehr früh zu Schulausschlüssen führen. Für einige Kinder kann dieser Stress solch Ausmaße annehmen, dass sie zu Schulverweigerern werden.

 

Kinder mit PDA scheinen außerdem auf andere Strategien im schulischen Bereich positiv zu reagieren als andere Kinder auf dem autistischen Spektrum. So können diese Kinder zum Beispiel besser damit umgehen, wenn ihnen bei Anforderungen mehr Flexibilität gegeben wird, oder Humor und Spontanität mit eingebaut wird.

 

Auf Strategien, Zuhause und in der Schule, werde ich an anderer Stelle einen separaten Beitrag zu erstellen.
Abschließend muss gesagt werden, dass PDA noch nicht in den offiziellen diagnostischen Richtlinien mit aufgenommen worden ist. In Großbritannien aber wird das Bewusstsein gegenüber diesem ‚Verhaltensprofil‘ jedoch immer größer und es wird inzwischen als Bestandteil des autistischen Spektrums gesehen (http://www.autism.org.uk/about/what-is/pda.aspx).

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