Ich weiß nicht wie es euch geht, aber ich wurde nun schon einige Male von Freunden oder Bekannten gefragt, ob ich nicht ein Buch kenne, das Kindern das Thema Autismus auf eine wirklich kindgerechte Weise näherbringt.

Wenn es Freunde aus England waren, so war das gar kein Problem, denn da konnte ich mehrere Bücher empfehlen. Wenn es aber Freunde aus Deutschland waren, so hatte ich echt ein Problem. Letztlich habe ich denen dann meist einfach eines meiner englischen Bücher gegeben, welches sehr leicht zu verstehen und übersetzen ist. Aber trotzdem fand ich immer, dass es doch eigentlich auch so etwas für den deutschen Markt geben müsste!

Als ich nun von einer jungen Autorin angeschrieben wurde, die genau so ein Buch im Herbst veröffentlicht, war ich sofort Feuer und Flamme und wollte mehr darüber wissen. Und so kam ich also zu dem Buch, über das ich nun schon vor dessen Erscheinung eine Rezension schreiben darf.

Warum mir so viel an solchen Büchern liegt

Es gibt verschiedene Gründe, warum solche Bücher notwendig sind.

1. wird auch für uns irgendwann der Zeitpunkt kommen, an dem wir dieses Gespräch mit unseren Jungs führen müssen. Das Gespräch in dem wir mit ihnen darüber reden, warum sie irgendwie ein wenig anders sind als andere und was sie so besonders macht.

2. Kindergartenkinder sind ja generell sehr neugierig und offen gegenüber Neuem oder Fremdem. Sie haben meist noch recht wenig Vorurteile, nehmen andere Kinder wie sie sind und vergeben ihnen auch vieles ganz schnell. So habe ich es jedenfalls überwiegend bisher erlebt. Und dies macht es doch zu der idealen Zeit, um mit diesen Kindern darüber zu reden, dass einige Kinder eben ‘besonders’ sind. Von diesen generellen ‘besonders sein’ Büchern gibt es schon einige, auch sehr schöne wie Das kleine Ich bin ich oder Elmar. Aber gerade da man autistischen Kindern von außen ihre Behinderung ja gar nicht ansieht, halte ich es für umso wichtiger, dass anderen Kindern schon früh erklärt wird, was diese besonders macht, was ihnen Probleme bereitet, und warum sie manchmal vielleicht etwas anders reagieren als andere Kinder ihres Alters.

3.  wir wollen doch, dass man unseren Kindern mit Toleranz entgegentritt. Wie kann man aber erwarten, dass Erwachsene unseren Kindern gegenüber Verständnis und Toleranz zeigen, wenn sie selber früher mit dem Thema nie konfrontiert oder gar darüber aufgeklärt wurden?!

Genau das dachte sich wohl auch Dorina Lutz, Autorin des Buches ‘Svea ist besonders! Autismus und Anderssein für Kinder erklärt’. Durch viele Erlebnisse im privaten Umfeld hat auch sie festgestellt, wie wenig Kinder – und auch Erwachsene – über Autismus, und die Menschen die damit leben, wissen. Und auch Frau Lutz weiß, wie wichtig es ist, dass bereits Kindern nahegebracht wird, was speziell Menschen mit Autismus so besonders macht. So kam sie also zu der Idee, dieses Buch zu schreiben.

Über das Buch

svea

Illustration aus dem Buch ‘Svea ist besonders!’ von Dorina Lutz

Erzählt wird die Geschichte von Mia, einem Kindergartenkind im Vorschulalter. Mia erzählt, dass ein neues Kind in ihrer Gruppe ist, die Svea. Und dass es auch ein paar Jungs gibt, die sich ein wenig über Svea lustig machen, da sie irgendwie etwas ‘anders’ ist als die anderen. So spielt Svea zum Beispiel nicht viel mit anderen Kindern, macht nicht mit bei Gruppenspielen oder hält sich manchmal die Ohren zu. Mia möchte gerne verstehen warum Svea so ist und wendet sich an ihre Erzieherin, Marisa.

Und Marisa erklärt nun Sveas Besonderheiten. Sie macht deutlich, dass ja jeder irgendwie anders ist. Niemand genau so ist, oder dieselben Dinge mag, wie ein anderer. Kleinkindgerecht wird beschrieben, dass Sveas Gehirn ein wenig anders ‘gestrickt’ ist, und was das zur Folge hat. Das Svea zum Beispiel laute Geräusche, vor allem wenn es viele durcheinander sind, belasten und überfordern, und dass sie zudem noch Geräusche viel lauter hört als andere. Nun macht für Mia auf einmal auch das Ohren-zu-halten Sinn.

Oder es wird erklärt, dass Svea oft nicht das ganze eines Bildes oder einer Szene sieht, sondern sehr auf Details achtet und dadurch sehr leicht von dem Wesentlichen abgelenkt wird.

Es werden noch ein paar typische besondere Merkmale von autistischen Kindern beschrieben, so wie zum Beispiel das oft sehr gute, fast fotografische Gedächtnis.

Was mir an dem Buch besonders gefällt ist, dass auf jeder Seite die Interaktion mit anderen Kindern und Erziehern gefördert wird. Dies geschieht durch Fragen, die die Erzieher dann gemeinsam mit den Kindern beantworten können (‘was meint ihr wie sich x fühlt oder was x tut’). Auch werden gute Vergleiche geboten, wie sich etwa laute Geräusche für Svea anhören, oder gar ein Experimenttipp der Kindern verdeutlichen kann, wie es ist, wenn man immer von jedem kleinen Detail abgelenkt wird und deswegen nicht das Bild als ganzes sehen kann.

An einigen Stellen finde ich, dass etwas zu sehr angerissen wurde und es verfehlt wurde eine Erklärung zu geben. So wurde zum Beispiel sehr schön gezeigt, wie die Erzieher teilweise besondere Rücksicht auf Svea nehmen müssen, und ihr bei einem besonderen Ereignis (einer Schatzsuche) vorher alles gut erklären, damit Svea weiß was auf sie zukommt. Diesen Abschnitt finde ich persönlich sehr wichtig, Aber da in diesem Fall kein ‘warum’ folgt, geht es leider sehr unter. Warum ist es denn wichtig, dass Svea weiß was auf sie zukommt? Was könnte denn die Folge sein, wenn Svea unvorbereitet in so eine Situation geschickt würde? Denn meines Erachtens ist Veränderung, bzw. die Schwierigkeit mit Abweichungen – ob nun im Tagesablauf wie hier im Buch, oder eine scheinbar kleine Veränderung/Umstellung im Gruppenraum – ein großer Bestandteil des Autismus-seins. Für unseren Oskar war es neulich zum Beispiel die Tatsache, dass in seinem Gruppenraum zwar die Kinder aus seiner Gruppe waren, aber nur Erzieher einer fremden Gruppe, da seine beiden Erzieher überraschend krank waren. Oskar hat keinen Schritt in diesen ihm bekannten Raum gewagt, klammerte sich nur, mit Panik in den Augen, an mein Bein.

Natürlich können nicht alle Besonderheiten aufgeführt werden. Dafür gibt es zu viele, und dafür sind vor allem die Besonderheiten der verschiedenen autistischen Kinder auch zu vielfältig. Es hätten aber noch mehr Beispiele genannt werden können, was Kindern mit Autismus Probleme bereitet, und wie deren teilweise doch sehr extremen, nicht altersgemäßen Reaktionen ausfallen können.

Es gibt natürlich verschiedene Formen des Autismus: Asperger Syndrom, Atypischer Autismus, Kleinkindlicher Autismus, und vom letzteren nocheinmal die Unterform Hochfunktionaler Autismus. Und auch von diesen Arten des Autismus können Kinder selbstverständlich mehr oder weniger stark betroffen sein. Ich würde vermuten, dass die Svea aus diesem Buch Asperger Autismus oder Hochfunktionalen Autismus hat. Darauf, und dass es verschiedene Formen und Ausprägungen vom Autismus gibt, könnte vielleicht noch hingewiesen werden.

Fazit

Insgesamt denke ich ist dieses Buch ein sehr guter Einstieg, um Kindergartenkinder zum Grübeln zu bringen. Um ihnen zu zeigen, dass nicht alle gleich sind. Und auch, um ihnen zumindest ein paar der Dinge vorzustellen, die ein Kind mit Autismus besonders machen. Besonders gut gefallen hat mir, wie schon erwähnt, dass es wirklich als interaktives Buch gedacht ist, das sogar einen Experimentvorschlag gibt, um neurotypischen Kindern eine Facette des Autismus auf spielerische Art und Weise ein wenig näher bringt. Auch wenn andere Kinder zunächst einmal etwas seltsam erscheinen, kann doch eine Menge dahinter stecken. Und wenn man sich einmal näher mit ihnen beschäftigt, dass man dann viel Faszinierendes erfahren kann. Es wäre wünschenswert, dass die Erzieher dann vielleicht das Bild Autismus noch ein wenig ausweiten, besonders wenn es ein Kind mit Autismus in der Kindergartengruppe oder auch Schulklasse gibt. So könnten dann spezielle Besonderheiten, die auch dieses Kind hat, vielleicht hervorgehoben und besprochen/erklärt werden.

Kaufempfehlung ja oder nein?

Ich würde dieses Buch durchaus Erzieherinnen empfehlen, um damit mit den Kindern ins Gespräch zu kommen. Für etwas ältere Kinder im Grundschulalter wäre es aber sicher nicht mehr ausreichend. Auch im Kindergarten würden sicher weitere Fragen von den Kindern folgen , wenn es vielleicht ein besonderes Kind in ihrer Gruppe oder Bekanntenkreis gibt, und auf die Fragen sollten die Erzieher dann auch vorbereitet sein. Genauso wäre es sicher ein gutes Buch für Eltern neurotypischer Kindergartenkinder, die Kontakt zu autistischen Kindern haben. Denn der Part der Erzieherin in dem Buch kann ja auch leicht von einem Elternteil übernommen werden. Auch könnte es durchaus zumindest das Eis brechen, wenn Michael und ich uns irgendwann (in naher Zukunft) mit Tim oder Oskar zusammensetzen, um das Thema Autismus und deren eigenen Diagnosen anzusprechen. Denn noch leben beide (so glauben wir!!) in unschuldiger Ahnunslosigkeit. Obwohl zumindest Tim sicherlich spürt, dass er irgendwie anders ist, gerade weil ihm viel mehr als Oskar daran liegt, so zu sein wie alle.

Habt ihr Interesse daran, dass ich hier weitere, auch englische, Bücher vorstelle? Oder habt ihr vielleicht selber ein Buch gelesen oder Film gesehen, in dem es um Autismus geht, und würdet es gerne hier bei mir vorstellen? Dann schreibt mir doch eine Nachricht oder hinterlasst hier einen Kommentar.

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