Ein Erfahrungsbericht über den Aufenthalt in einer Jugendhilfeeinrichtung irgendwo im Westen Deutschlands

 

Im Letzten Beitrag habe ich schon über dieEinstellung einer gewissen Jugendhilfeeinrichtung gegenüber den Eltern berichtet, und wie deren grundsätzliche Versorgung eines schwerbehinderten Kindes aussieht. Heute soll es um den pädagogischen Ansatz der Wohngruppe und auch den der Schule gehen.

 Phasenplan

 

Pädagogischer Ansatz

 

Der letzte Bericht zeigt eigentlich schon ganz deutlich den pädagogischen Ansatz der Einrichtung. Der Schwerpunkt liegt eindeutig auf dem Bestrafen, nicht dem Loben und schon gar nicht dem Fördern!

 

Tims Vorberichte waren denen total unwichtig. Haben sie doch selber zig Jahre Erfahrung mit ‚solchen‘ Kindern. So viel Erfahrung gar, dass mir der Leiter der Wohngruppe nach einer Woche am Telefon berichtete, dass er Tims Autismus Diagnose stark infrage stellen würde. Denn Tim sei ja an Kontakt mit anderen Kindern interessiert. Und sein Verhalten sei reine Provokation und volle Kalkül.

 

Ja, mit der Einstellung kann man ja den Kindern dort nur gerecht werden, nicht wahr?! Aber da man Vorberichte ja eh nicht wirklich las, und schon gar nicht aufgrund dessen irgendetwas anpassen würde, waren Diagnosen eh völlig überflüssig.

Der Förderplan

 

Ja, den Namen habe ich tatsächlich für diesen Plan gehört! FÖRDERplan. Was für ein Witz. Er wird auch Phasenplan genannt. Generell habe ich eigentlich gar nicht unbedingt etwas gegen Phasenpläne. In der Klinik hat der für Tim sogar sehr gut funktioniert. Aber auch nur, weil der ja komplett an ihn angepasst worden war. Sowohl von den Zeitabschnitten, wie häufig man mit ihm reflektiert, wie viele Punkte er braucht für die nächste Stufe, aber eben auch, was Tim sich mit der nächsten Stufe ‚verdienen‘ kann, also welche Freiheiten oder Vorteile er damit bekommt.

In seiner Wohngruppe hatten jedes Kind denselben Förderplan, dieselben Phasen und dieselben ‚Vergünstigungen‘. Das macht für mich überhaupt keinen Sinn, denn 1. sind die Kinder in der Wohngruppe total altersgemischt und sind eben auch sonst von ihren Möglichkeiten komplett verschieden.

 

Für Tim ergab sich daraus, dass er die meiste Zeit der 8 Wochen auf Phase 0 hockte!!! Ab 3 Punkten kam man auf Phase 1 (in der man dann Freiheiten hat wie 3DS spielen, Musikmedien nutzen, draußen spielen mit anderen, Süßigkeiten essen, sich auf dem eigenen Zimmer oder auf dem anderer verabreden). Tim hat es aber in den 8 Wochen vielleicht 2 Mal auf Stufe 1 geschafft, was letztlich bedeutet, dass er den Rest der Zeit quasi jeden Nachmittag Zimmerarrest hatte.

 

Ab Phase 2 hätte Tim dann auch mit den anderen fernsehen dürfen oder sich draußen mit Kindern etwas weiter von der Wohngruppe entfernen dürfen. In Phase 3 hätte Tim auf dem gesamten Gelände (und das ist riesig!) 30 Minuten Ausgang gehabt, hätte länger Nintendo spielen dürfen, und beim Stadtgang sich eine halbe Stunde abmelden dürfen.

 

Ab Phase 4 dürfen sich Kinder dann – durch Abgabe von verdienten Punkten – einen Film gucken erkaufen, oder – durch höhere Abgabe von Punkten- sich eine Aktivität mit einem Erzieher erkaufen. Oder aber stattdessen Handyzeit kaufen. Als Vergleich – Sonderaktion mit Erzieher kostet 50 Punkte. 30 Minuten zusätzliche Handyzeit kosten 5 Punkte…hmmm

 

In der höchsten Phase, Phase 5, können sich Kinder für 150 Punkte (!!!) ein zusätzliches Wochenende Zuhause erkaufen. Oder aber für 5 Punkte 30 Minuten am Computer, oder 1 Stunde Abmelden beim Stadtgang.

 

Diesen Phasenplan habe ich mehrfach angesprochen. Ich bat darum, dass man ihn doch an Tims Möglichkeiten anpassen möge. Denn 1. war ja offensichtlich, dass es für Tim nicht möglich ist, genug Punkte zu sammeln um es auch nur auf Stufe 1 zu schaffen (wie frustrierend???), und 2. sind die ‚Vergünstigen‘ absolut nicht für Tim geeignet. Auch wenn Tim auf Stufe 2 wäre, hätte ich es nicht für sinnvoll gehalten, ihn ohne Aufsicht mit anderen Kindern 30 Minuten lang außer Sichtweite der Wohngruppe zu lassen, oder gar auf dem gesamten Gelände oder in der Stadt!

 

Und was uns bei Sichtung des Phasenplanes auch wie Schleier von den Augen fiel war: Tim würde dort sich NIEMALS ein zusätzliches Besuchswochenende verdienen können. Denn er würde es ja niemals auf die allerhöchste Stufe schaffen, und hätte erst recht nicht dann noch 150 Punkte über –  die er ja als Tausch abgeben müsste.

 

Wie gesagt, angesprochen habe ich den Plan mehrfach. Mir wurde nur immer wieder gesagt, dass der Plan sehr gut ziehen würde. Denn Tim sei motiviert, es auf die nächste Phase zu schaffen. Meine Einwände, wie frustrierend es für einen so jungen Kerl sein muss, wurden mal wieder ignoriert. Ich bin ja nur Mutter.

 

Es wurde auch nicht geschaut WARUM ein Kind heftiges Verhalten an den Tag legt, um dieses in Zukunft vermeiden zu können. Stattdessen wurde der Druck nur noch einmal erhöht durch weitere Bestrafungen und Drohungen.

 

Die Bestrafungen waren unverhältnismäßig hoch und pädagogisch sehr fragwürdig. Dazu gehörte u.a. ein ständiges Abschreiben von irgendwelchen Regeln. Tim musste permanent die Respektregeln abschreiben, wenn er einer Aufforderung nicht gefolgt war. Und das nicht ein Mal sondern immer direkt 3 Mal. Da Tim sich natürlich auch gegen dieses idiotische Abschreiben wehrte, brauchte er dafür dann auch komplette Nachmittage.

  • Ein anderes Mal hatte sich Tim anscheinend in der Schule nicht ordentlich aufgestellt, und sollte deswegen die Aufstellregeln abschreiben (??). Da er sich weigerte, musste er daraufhin die Klassenregeln mehrfach abschreiben. Worauf er dann komplett ausrastete und aus der Schule abgeholt werden musste.

 

  • Ein weiteres Mal hat Tim in der Morgenroutine in der Wohngruppe wohl dazwischengeredet als ein Erzieher sprach. Ich kann mir gut vorstellen, dass dieses Dazwischenreden sogar auch durchaus etwas Provokantes war. Doch die Konsequenz, die sich für Tim daraus ergab, machte mich dennoch sprachlos. Als Strafe musste Tim an dem Nachmittag (also nicht einmal direkt folgend!) 40 MAL schreiben:

 

  • Ich höre auf das was die Erzieher sagen. Sprechverbot bedeutet nicht reden sondern still sein‘

 

  • Ein anderes Mal hatte Tim während der Morgenroutine einen Fehler gemacht. Anscheinend müssen die Zimmertüren während des Aufräumens geschlossen sein, doch war seine offen. Als Sanktion darauf musste er an dem Abend direkt nach dem Abendessen schlafen gehen. Wie Tim berichtete geschah das dort fast täglich. Mindestens ein Kind musste eigentlich immer früh schlafen gehen. Ist ja auch sehr bequem, da die Gruppe personell ziemlich unterbesetzt.

 

  • Ein anderes Mal hatte er während der Morgenroutine Musik gehört, was anscheinend verboten ist. Also wurde ihm eine komplette Woche sein iPod weggenommen. Sein iPod, mithilfe dessen er sich häufig beruhigen oder entspannen kann, da ihm Musik sehr gut tut.

 

  • Das Heftigste kam dann aber ein paar Tage bevor wir ihn dann endlich nach Hause geholt haben. Tim hatte anscheinend eines Nachmittags seine Hausaufgaben verweigert. Es hat sich dann so hochgeschaukelt, dass er einen totalen Meltdown hatte. Dass diese bei Tim extrem heftig und aggressiv ausfallen, dass wissen wir ja bereits. Und da aus allem Vorhergegangen ja schon klar war, dass man bei Tim bei schwierigem Verhalten den Druck eher erhöht als zu versuchen diesen zu reduzieren, kann ich mir gut vorstellen, dass in diesem Meltdown auch Stühle und Tische geflogen sind. Die Schienbeine der Erzieherin waren wohl blau. Und das muss natürlich eine Konsequenz haben. Also wurde Tims Zimmer KOMPLETT leer geräumt. Kein Lego, keine Bücher, keine Musik, keine Malstifte oder Papier, nicht einmal seine Kuscheltiere blieben ihm. Was blieb waren sein blankes Bett und sein Schreibtisch. Ab der kommenden Woche sollte er sich dann seinen Sachen durch gutes Verhalten Stück für Stück zurückverdienen können. Eine perfekte Umgebung also, für ein extrem stressanfälliges Kind…..

 

An dieser Stelle waren wir dankbar dafür, dass man unsere Empfehlung, Tim ein Einzelzimmer zu geben, ignoriert hatte. Denn so hatte er zumindest hin und wieder seinen Zimmernachbar, der ihn mit seinem Lego spielen ließ.

 

  • Ja, und die Drohungen….diese gingen anscheinend immer von derselben Erzieherin aus. Welche im Übrigen auch die ist, die die meisten der hirnrissigen Bestrafungen sich einfallen ließ. Und genauso ist es diejenige, die ja schon seit 20 Jahren im Dienst ist und weiß wie es läuft.

 

An dem letzten Besuchswochenende zuhause erzählte Tim mir, dass es einige Mal Schwierigkeiten gegeben habe in der Gruppe. Und dann erzählte er, mit Tränen in den Augen, dass man ihm angedroht habe sein Besuchswochenende zuhause zu streichen, wenn er sich nicht besser benehme. Ich denke jeder kann sich vorstellen, wie sich ein noch nicht ganz 9-jähriger, der eh Heimweh hat, fühlt, wenn ihm das angedroht wird?! Und welch zusätzlicher Druck bei einem Kind wie Tim dadurch erzeugt wird!

 

Ich habe Tim immer und immer wieder gesagt, dass wir das NIE zugelassen hätten. Und dass man sein Wochenende gar nicht streichen darf. Doch wirklich glauben konnte er es sicherlich trotzdem nicht, da man dort ja auch sonst jegliche Drohungen umsetzte.

 

Ganz ehrlich, diese eine Erzieherin, und das habe ich auch bei Tims Auszug dort ganz offen gesagt, hat ihren Beruf verfehlt! Mag sein, dass sie vor 20 Jahren noch Spaß an ihrem Job hatte, aber der scheint nicht mehr vorhanden zu sein. Und ihren Frust lässt sie nun durch sadistisches Verhalten an den armen Kindern aus.

 

Wirklich schade, denn es gab auch einen wirklich sehr sympathischen Erzieher dort. Auch Tim mochte ihn sehr. Doch was hat ein solcher für eine Chance, als junger Kerl, in einem Team mit einem Leiter der Eltern und Diagnosen ignoriert und einer alteingesessenen Sadistin? Und so ist es dann, dass die paar guten Erzieher ihren Job verlassen…

 

 

Die Beschulung

 

Auch hier war anscheinend kein Austausch mit Eltern erwünscht. Kein einziges Mal hat sich ein Lehrer bei uns gemeldet!

 

Der pädagogische Ansatz hier? Genau wie in der Wohngruppe (immerhin ist man da konsistent!): immer wieder Regeln abschreiben, oder in Schönschrift abschreiben, Druck erhöhen statt Druck nehmen. Folge: Tim verweigerte Schulaufgaben, was es bisher so gut wie nie gegeben hatte!!

 

Wenn ich mir nun Tims Schulsachen durchgucke, dann wundert mich Tims Verweigerung wirklich gar nicht. Wir haben hier einen Jungen, der unbedingt lernen möchte. Ja, manchmal hat er große Schwierigkeiten, Aufforderungen nachzukommen. Und ja, er hat erhebliche Probleme mit seiner Handschrift. Hatte er schon immer, was auch mit seinem generellen Problem der Feinmotorik zu tun hat. Das war der Schule auch bekannt. Doch, wie in der Wohngruppe, statt ihn in seinen Defiziten zu fördern, bestrafte man ihn. Statt ihm Wege zu zeigen, wie seine Schrift leserlicher werden kann, musste er immer und immer wieder denselben Text abschreiben, bis er halbwegs leserlich war.

 

Ich bin ja eigentlich selber Lehrerin. Eine der ersten Sachen die ich gelernt habe war, dass man immer versuchen solle positive Kritik zu geben. Und das habe ich tatsächlich immer versucht zu tun. Ich habe nie einen Rotstift benutzt (ich finde die Farbe unglaublich aggressiv!), und habe alles immer versucht positiv zu formulieren. Nicht so an Tims Schule. Ein Beispiel eines Kommentars unter seinen Hausaufgaben hatte ich neulich schon auf meiner Facebookseite veröffentlicht, füge ihn aber gerne auch nochmal hier hinzu. Ich denke er zeigt ganz deutlich den pädagogischen Ansatz der Schule. Den pädagogischen Ansatz einer reinen Autistenklasse!

 

Kommentar

 

Ja, dieses Kapitel ist nun zum Glück vorbei! Tim ist wieder bei uns zuhause. Wir bereuen es keinen einzigen Tag. Ja, es ist extrem belanstend und eine große Herausforderung für uns alle, inklusive Tim. Aber wenn es einen sehr belastend Tag gegeben hat und Tim abends fix und fertig in seinem Bett lag und ich mich noch einmal an ihm ankuschelte und ihm sagte wie sehr wir ihn lieben, dann war er doch immerhiin fix und fertig zuhause. und nicht einsam in einem Zimmer einer WOhngruppe, in dem sich einige Erzieher anscheinend nur so über sein Scheitern freuten.

 

Wir haben eine Menge gelernt. Unter anderem, dass wir naiver sind als wir es je gedacht hatten. Aber was ich jetzt, wieder mit Tim zuhause, merke ist, wie leicht es irgendwie war, und auch wieder wäre, eine stationäre Unterbringung zu finden. Aber wie schwer es ist eine Lösung zu finden, damit Tim nicht nur zuhause sein kann, sondern auch, dass er eine wirklich offene Schule findet (mit passender Unterstützung) und auch Unterstützung sowohl für Tim als auch für mich an Nachmittagen und Ferien, damit es eben auch dauerhaft für uns alle machbar ist.

 

Ich bekomme immer und immer wieder sehr kritische und bewertende Kommentare was Tims Unterbringung in der Einrichtung etc angeht. Und ja, natürlich machen wir uns selber große Vorwürfe. Aber der Grund, warum wir diesen Schritt doch überhaupt nur durchgeführt hatten war, weil wir am Ende unserer Kräfte waren. Weder Tim noch wir bekamen die Unterstützung, die wir brauchten. Und so ist es momentan wieder. Tim ist komplett zuhause (bis es eine Lösung zur Beschulung gibt), Und nachmittags bin ich ganz auf mich allein gestellt mit Tim und Geschwisterkindern. Warum also ist es so leicht, ein Kind stationär unterzubringen, jedoch so schwer, genug Unterstützung in der häuslichen Unterbringung zu bekommen? Ich verstehe es wirklich nicht!

 

 

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