Sind wir tatsächlich am Ende angekommen?

…oder: Haben wir tatsächlich den Anfang gefunden?

Ich hatte schon geschrieben, dass es nur zwei Einrichtungen gab in einem sehr großen Umkreis, die sich überhaupt theoretisch in der Lage sahen, Tim gerecht werden zu können. Eine davon hatten wir uns schon angeguckt. Die zweite Einrichtung haben wir uns vor nun fast zwei Wochen angeschaut.

Natürlich hatte ich mich schon im Internet ein wenig erkundigt und wusste, dass diese sehr viel größer ist. Aber das kann sowohl gut als auch schlecht sein. Herausgekommen sind wir aus dem Termin aber nur mit zwei negativen Gefühlen: 1. Ist diese Einrichtung weiter entfernt (nämlich immerhin 2 Stunden!!), und 2. werden Kinder anfangs nur 1 Mal im Monat beurlaubt, später dann alle 2 Wochen. Und besuchen können wir ihn auch jederzeit.

Doch insgesamt macht diese Einrichtung wirklich den Eindruck, dass es Tim dort gut gehen kann. Dass er dort glücklich sein kann. Man hat dort sehr viel Erfahrung mit autistischen Kindern und auch spezielle Angeboten sowohl in der Schule als auch in der Wohngruppe. Intensivgruppen gibt es dort selbstverständlich auch, und Tim würde in einer solchen wohnen. Was uns auch sehr gefällt ist die sehr aktive Freizeitgestaltung. Schule geht nur bis 13.00 Uhr und danach gibt es eine Vielzahl an Angeboten, je nachdem was die Kinder gerne mögen. Sportliche Aktivitäten, inklusive Klettern in der eigenen Boulderhalle, Reiten, Tierpflege, Streichelzoo, Waldkunde, musisches….Hier bekamen wir den Eindruck, dass den Kindern nicht nur ein Zimmer und Schule geboten wird, sondern dass man ihnen auch wirklich viel bieten möchte, damit sie ein erfülltes Leben führen können.

Der erste Eindruck

…nach Verlassen war : ‚ok, wir haben einen Ort gefunden, an dem es Tim gut gehen könnte‘.

Doch direkt im Anschluss setzte die Realität ein was dies bedeutet. Nämlich, dass Tim wirklich nicht mehr bei uns leben wird. Etwas, das ja eigentlich schon lange klar war, aber mit dem Finden der passenden Einrichtung wurde es doch plötzlich irgendwie ‚wirklich‘.
Tim_Julia

Mit Tim hatten wir schon darüber gesprochen wie es weitergeht. Seine Reaktion war mal wieder bewundernswert wie ich finde, und wie ich es ja schon in meinem Liebesbrief an ihn geschrieben hatte. Er scheint sich wirklich unserer Liebe für ihn sicher zu sein. Daran zweifelt es absolut nicht, und wird es hoffentlich auch nie. Er weiß, dass wir uns einige Einrichtungen angeschaut haben um eine zu finden, die für ihn richtig ist. Und er weiß selber auch, dass es ihm so gut geht momentan, weil es die Klinik ihm möglich macht.
Als ich Tim vor zwei Wochen erzählte, dass wir eventuell eine Schule gefunden hätten, und dass diese etwas weiter weg sei, so dass er nicht mehr jedes Wochenende nach Hause kommen kann, musste er erst einmal schlucken. Wir haben ein wenig gekuschelt und über die Schule und die Gesamtsituation gesprochen. Ich habe ihm auch ganz deutlich gesagt, dass er immer ein voller Bestandteil unserer Familie sein wird, und dass wir ihn natürlich auch ganz doll vermissen werden. Aber dass es uns so wichtig ist, dass es ihm gut geht, und dass er auf einer Schule ist, die ihn versteht. Dass er in einem Umfeld ist, in dem er Freundschaften schließen kann. Nach dem ersten ‚Schlucken‘ ging Tim sehr positiv mit den Neuigkeiten um. Er sagt von sich aus immer wieder, dass er sich schon so sehr darauf freut endlich wieder zur Schule gehen zu können.

Tim möchte wirklich endlich wieder zur Schule gehen, endlich wieder Lernen können. Er hat seiner Lehrerin in der Klinik sogar schon vorgeschlagen dass man dort noch eine weitere Lehrkraft einstellen solle, damit er länger als nur 2 Stunden lernen kann. 😀

Das Thema ‚ich werde euch aber vermissen‘ war nach dem ersten Ansprechen kein Thema mehr für ihn. Für mich dafür umso mehr. Allein der Gedanke, Tim dauerhaft nicht bei uns leben zu haben, erzeugt bei mir Sehnsucht, auch wenn ich davon überzeugt bin, dass dieser Schritt der richtige ist.

Letztes Wochenende besprach ich dann mit Tim, dass wir ihn während der Woche abholen würden, um uns mit ihm gemeinsam die Einrichtung anzuschauen. Ich fragte Tim, wie es ihm dabei geht. Seine Antwort ‚Ich freue mich und bin aufgeregt im Positiven!‘

Ein wenig hat es mich doch überrascht, und so fragte ich etwas später vorsichtig nach, ob er in der Klinik eigentlich Heimweh habe. Ein wenig verständnislos schaute er mich an ’äh nein, warum?‘

selfie Tim 2 Innerlich schmunzelte ich und gab ihm dann eine Umarmung und ein Küsschen. Und ich begriff, dass wir ihn wahrscheinlich erheblich mehr vermissen werden als er uns. Ein komisches Gefühl! Aber ist es nicht sogar das, was man sich wünscht? Wir wollen ja schließlich, dass er sich dort wohl fühlt, glücklich ist, lernen kann und Spass hat, nicht dass er die Zeit damit verbringt unglücklich mit Heimweh zu sein.

Ein paar Tage später fragt ich seinen Therapeuten, ob er denselben Eindruck bekommen hatt, dass Tim der Gedanke recht weit weg von uns zu leben gar keine Schwierigkeiten bereiten würde. Er bejahte es und sagte, er habe den Eindruck Tim würde es alles ganz sachlich angehen. Er muss und möchte gerne auf eine Schule gehen, auf der es ihm gut gehen kann. Und hier gibt es nun mal so eine Schule nicht. Also ist es ganz logisch, dass er dort wohnen muss.

Tims Besuch in der Schule

Wie abgesprochen holten wir also Tim morgens in der Klinik ab, damit er die Einrichtung kennen lernen kann. Ich hatte erwartet dass Tim sehr unruhig und hibbelig sein würde, aber er wirkte total entspannt. Er erzählte zwar viel und stellte zig Fragen, aber es ging nicht um die Schule, sondern um Fußball. Und er war froh seinen Papa da zu haben, der ihm diese ganzen Fragen beantworten konnte und wollte.

Wir kamen etwas verspätet hat, dank zahlreicher Baustellen, so dass Michael und Tim direkt zum Meeting (mit der Schulleiterin, dem Einrichtungsleiter und unserem Jugendamt Mitarbeiter) vorgingen, während ich mich noch um Julia kümmerte. Als ich dann dazu stoß, beantwortete Tim gerade brav Fragen der Schulleiterin, in denen es überwiegend um Selbstreflektion und Selbsteinschätzung ging.

Dann wurde Tim erklärt, dass es für ihn zwei mögliche Klassen gäbe – eine Klasse speziell für Kinder mit Autismus, und eine sehr gemischte – und wo er glaubte dass er lieber dazu stoßen würde. Spontan sagte Tim ‚Die mit den anderen Autisten, denn die verstehen wie ich ticke‘. Ihm wurde auch gesagt, dass eine jetzige Entscheidung oder Vorliebe nicht bedeuten würde, dass er dort dann auf Deubel komm raus bleiben muss, sondern dass man einfach schauen könnte wie es läuft.

Als die Schulleiterin Tim fragte, ob er seine Klasse gerne schon einmal kennen kernen würde, leuchteten Tims Augen. Also zogen sie los, während wir Restlichen uns noch etwas unterhielten. Kurze Zeit später bekam der Einrichtungsleiter einen Anruf der Schulleiterin. Tim würde glücklich und zufrieden in seiner Klasse sitzen und mitmachen. Wir sollen ihn dann abholen wenn wir fertig sind.

Das taten wir. Tim war fast ein wenig enttäuscht, dass er nicht länger bleiben konnte. Dazu muss man aber auch sagen, dass an dem Tag mit Laptops gearbeitet wurde, und der Lehrer seinen Hund mit dabei hatte (was anscheinend dort in der Klasse nichts Ungewöhnliches ist). Aber die Aussicht, seine Wohngruppe kennen lernen zu können, lockte ihn dann doch weiter, und so verabschiedete er sich von Lehrer und Mitschülern.

In der Wohngruppe stellte Tim viele Fragen, überwiegend zum Ablauf und zu dortigen Regeln, nahm ansonsten alles ruhig auf. Andere Kinder trafen wir nicht an, da die ja noch in der Schule waren, aber uns wurde gesagt, dass zwei Kinder aus der Wohngruppe auch in Tims Klasse sind.

Die Schule und Einrichtung arbeitet sehr viel nach dem TEACCH Ansatz. EIne Frage, die mir brennend auf der Zunge lag war ‘Arbeitet man hier mit ABA oder Ähnlichem?’, was aber ganz klar verneint wurde. Man hatte, finde ich, auch eine schöne Umgehensweise mit Tim. Niemand zwang ihn, in die Augen zu schauen. Man fragte ihn auch, ob er Berührungen mag oder eher nicht. Tim antwortete, dass die Berührung selber nicht so das Problem sei. Aber dass er es nicht gut haben kann, wenn Menschen zu dicht an ihm dran sind. Er bekäme dann Platzangt. Daraufhin wurde ihm gesagt, dass es gut sei das zu wissen, denn dann könne man dafür sorgen, dass die anderen das wissen und darauf achten können. Mir hat die Umgehensweise sehr gefallen.

Die Wohngruppe ist insgesamt aber gemischt was die Diagnosen angeht. Man versucht mindestens zwei Kinder mir Autismus gemeinsam zu haben, aber eben auch definitiv andere Kinder, damit man voneinander lernen kann.

Am Schluss wurde Tim gefragt ob er sich vorstellen könnte dort einzuziehen, was er bejahte. Und so machten wir einen Aufnahmetermin aus und machten uns dann auf den Heimweg. Tim nach wie vor ruhig und ausgeglichen!

Ja, wie fühle ich mich nun?

Bin ich glücklich? Nein! Wie kann ich glücklich sein, wenn eines meiner Kinder nicht mehr Zuhause wohnen wird?!? Aber erleichtert bin ich. Für uns und vor allem für Tim, dass es nun hoffentlich endlich für ihr weiter und bergauf gehen kann.

Natürlich ist mir klar, dass der Anfang sicherlich nicht ganz leicht sein wird. Und auch wenn Tim momentan kein Problem mit der Trennung zu haben scheint, so wird er aber höchstwahrscheinlich am Anfang zumindest Heimweh haben – einfach, weil alles neu und unbekannt ist. Aber ich hoffe sehr, dass er sich schnell dort einfinden wird!

Ihr habt alle den Weg bis hierher verfolgt. Ihr wisst, dass es wirkliche keine leichte Entscheidung gewesen ist. Es war ein Weg voller Unsicherheiten und Zweifel, und dem Wunsch, dass wir einfach nur ein ganz normales Familienleben führen möchten, mit all unseren Kindern bei uns zu Hause.

Irgendwie geht es so komplett entgegen meinen Mamainstinkt, meinen Ältesten woanders wohnen zu lassen. Und die Erkenntnis, dass es ihm dort (hoffentlich!!) besser gehen wird als bei uns – in einem Zuhause mit viel Liebe und Geborgenheit – ist auch keine leicht zu schluckende Pille, das könnt ihr mir glauben.

Xmas

Eine Leserin, die mir erst neulich eine wunderbar motivierende Email schrieb, brachte es aber sehr schön auf den Punkt. Sie schrieb:

‚Natürlich blutet den Eltern das Herz, wenn sie sich von Ihrem Kind räumlich trennen müssen, aber ist es denn nicht das Wichtigste, dass es den Kindern gut geht? Wollen das nicht alle Eltern für Ihre Kinder? Egal ob Autist oder nicht? Und es geht Euch ja als Folge davon, dass es Tim gut tut, besser und nicht weil Tim über die Woche nicht bei der Familie ist. Und allein daran, dass ihr euch soooo viele Gedanken um ihn macht, merkt man, dass ihr voller Liebe für euer Kind Entscheidungen trefft!‘

Und dass lass ich es jetzt einfach mal so im Raume stehen.

P.S. Kurz nach unserem ersten Termin in dieser 2, Einrichtung bekamen wir übrigens eine Absage aus der 1. Einrichtung. Letztlich hatte man dieselben Zweifel wie wir auch. Zum Glück hatten wir uns zu dem Zeitpunkt eh schon gegen die Schule entschieden, so dass wir nicht das Gefühl haben mussten keine Wahl gehabt zu haben.

P.P.S. Tims ehemalige Schule weigert sich nach wie vor, einen Antrag auf ein SE Gutachten zu stellen! Unglaublich! Sämtliche Beteiligten schütteln nur den Kopf. Ich wüsste ja zu gerne wie die reagieren würden wenn ich verkünden würde, dass Tim ab sofort wieder zu denen auf die Schule gehen würde. Weil ja alles immer so Supi lief.

Inklusion? Darum geht es denen hier überhaupt nicht! Hier geht es doch nur um Politik und den eigenen Arsch retten. Nicht um das Wohl des Kindes.

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