Ene Mene Mei, ich wünsche mir eine Schule herbei! Hex Hex!!

…oder: wie kann die richtige Entscheidung nur so verdammt schwer fallen?

Ich denke der Titel dieses Artikels lässt schon vermuten worum es diesmal gehen wird. Schon lange habe ich nichts mehr von mir hören lassen bezüglich darauf wie es Tim momentan geht und wie es wohl weitergehen mag.

Dabei ist jede Menge geschehen, nicht nur in Hinblick auf Tim. Anfang September ist auch unser Oskar eingeschult worden. Ohne Integrationskraft. Doch es zeigte sich genau das, was ich befürchtet hatte. Glücklicherweise hat Oskar eine tolle proaktive Lehrerin, so dass es schon jetzt einige positive Veränderungen bei Oskar gezeigt haben. Doch dies wird ein eigener Artikel werden.

 

4 Monate Klinik

 

Wir haben jetzt Ende November. Seit Anfang August ist Tim nun schon in der Klinik. Seit fast 4 Monaten also. Bezüglich der Klinik können wir wirklich nur Positives berichten. Dort hat man es geschafft, unserem Tim sein Selbstwertgefühl wiederzugeben. Unser Sohn ist glücklich und (wie wir es an den Wochenenden begutachten können) entspannt, genießt seine Zeit mit uns, aber fühlt sich durchaus auch in der Klinik wohl.

Warum? Weil man dort einfach seine speziellen Bedürfnisse erkennt und seinen Alltag komplett daran anpasst! Ich hatte ja schon vor einiger Zeit geschrieben, dass er ein Einzelzimmer hat. Doch das ist wahrscheinlich noch das Geringste. Mir fällt es selber schwer es auszudrücken was genau man dort für Tim leistet. Tim hat recht schnell einen eigenen ‚Stufenplan‘ bekommen, da der Plan der anderen Kinder für ihn unerreichbar war. Mit seinem eigenen Stufenplan erfährt er endlich wieder Erfolgserlebnisse, ist stolz darauf was er erreicht und sich dadurch dort an Dingen verdient (Nintendo Zeit, länger aufbleiben…)).

Aber genauso gibt es für Tim auch Sonderregelungen, wie zum Beispiel zur Essenszeit. Tim war schon immer sehr empfindlich beim Essen, auch bei uns zu Hause. Ich denke es sind mehrere Dinge die dort für ihn aufeinandertreffen. Er sitzt recht nah direkt neben anderen, was für ihn nicht leicht ist. Dann sitzt er zusätzlich auch noch direkt anderen Menschen gegenüber, und links und rechts – egal wohin er schaut, er blickt in Gesichter.Was diese ‚Gesichter‘ für ihn noch schlimmer machen ist, wenn die dann auch noch schmatzen oder – wie Oskar – beim Essen stark lautieren. Ganz schlimm ist es, wenn sich jemand dann auch noch beim Essen einsaut. Frederiks Nutellaschnute zum Beispiel lösen bei Tim richtigen Würgereiz aus, und auch unsere Julia Felicitas ist für Tim sicherlich kein leichter Anblick am Essenstisch.

In der Klinik war dies nicht anders. Auch hier waren die Essenszeiten immer eine sehr kritische Zeit. In der ersten Klinik war dies ebenso nicht anders – bloß hat man es dort immer wieder eskalieren lassen. Hier aber wurde sehr schnell gehandelt, und Tim durfte mit einer Pflegeperson gemeinsam an einem separaten Tisch essen.

Auch in Gruppensituationen war es für Tim, wie zu erwarten, sehr schwierig. Auch hier hat man nach einer Lösung gesucht wie man dies Tim erleichtern kann. Was anfangs personell nicht machbar war konnte letztlich aber doch umgesetzt werden – Tim bekam ganztags eine Pflegeperson, die nur für ihn zuständig war und ihn so im Alltag und im Gruppengeschehen unterstützen konnte.

Tims Termine mit dem Therapeuten mag ich auch nicht zu wenig Beachtung schenken, denn auch der hat wirklich viel dazu beigetragen wie es Tim heute geht. Er hat selbstverständlich auch mit den oben genannten Veränderungen für Tim zu tun gehabt, aber auch abgesehen davon hat er anscheinend einen wirklich guten Zugang zu Tim gefunden. Momentan zumindest scheint Tim Vertrauen darin gefunden zu haben, dass wir Erwachsenen Entscheidungen für ihn treffen, die für IHN am besten sind. Und genauso hat er mit Tim daran gearbeitet, sich so zu akzeptieren wie er ist.

Tim

Die Wochenenden haben mindestens einen Tag zu wenig!

Seit Wochen sind unsere Wochenende einfach schön. ‚Entspannt‘ wäre sicherlich gelogen, denn wir haben nun mal vier kleine Kinder, wovon gerade Oskar am Wochenende seine Schwierigkeiten in der Schule verarbeitet. Und natürlich wird Tim nie ohne ‚Auffälligkeiten‘ sein. Aber wir genießen es einfach unglaublich, an den Wochenenden zumindest komplett zu sein. Handgreifliche Konflikte mit Tim hat es das letzte Mal vor sicher 2 Monaten gegeben. Wenn Tim sonntagabends wieder in die Klinik zurück gebracht wird, freut man sich schon wieder auf das kommende Wochenende. Und ab Montag steigt dann von Tag zu Tag die Sehnsucht, bis man Freitagabend Tim endlich wieder in seine Arme schließen kann.

Dies ist übrigens eine Sache für die ich als Mama unglaublich dankbar bin: ich DARF meinen Tim in die Arme nehmen, darf ihn streicheln und auch küssen. Zwar immer nur kurz, er würde sich sicherlich nicht auf meinen Schoß setzen, aber das ist ja vollkommen egal. Mich macht es auch so glücklich und ich weiß, dass es für einen Autisten nicht selbstverständlich ist.
Dennoch bleicht die Frage:

Wie geht es denn nun weiter?

Ja, wie geht es weiter? Über diese Frage zermartern wir uns nun schon seit Monaten das Gehirn. Im Sommer noch hätte die Antwort vielleicht geheißen ‚WIR können einfach nicht mehr. Tim kann nicht mehr zu Hause wohnen‘. Jetzt aber wünschte ich mir nichts anderes. Doch es geht einfach nicht. Es gibt hier bei uns keine Schule, auf der es ihm gut gehen würde, egal ob mit oder ohne Integrationskraft. Zu groß, zu laut, zu wenig klare Strukturen. Immer wieder malen wir es uns aus, ob Timmy nicht doch wieder ganz zu uns kommen kann. Doch je mehr wir darüber nachdenken, desto mehr wird uns jedes Mal wieder klar dass der Grund warum unsere Wochenenden mit Tim so schön sind, einige wichtige Ursachen hat:

1. Ist Tim viel entspannter und zufriedener, weil unter der Woche sein Tag komplett auf seine sehr speziellen Bedürfnisse angepasst wird. Und da er entspannt während der Woche sein kann, geht er ebenso entspannt ins Wochenende. Eine passende Schule für ihn bei uns zu finden wäre noch viel schwieriger! Und wie ich schon in einem vorigen Artikel geschrieben hatten: man muss Tim ein weiteres Scheitern ersparen.

2. Wir können unter der Woche Kraft tanken, um viel gelassener mit Problematiken umzugehen.
Wir kamen also jedes Mal wieder unter Tränen bei der Erkenntnis an, dass für Tim eine SE Schule das Beste ist. Und da es direkt hier keine gibt, würde es eine mit angegliederter Wohngruppe sein müssen. Also machten wir – und das Jugendamt – uns auf die Suche nach möglichen Einrichtungen. Wir schauten uns ein paar an und schlossen eine auch direkt aus. Viele, viele andere sagten direkt ab noch ehe wir es uns angucken konnten, da man dort nicht glaubte unserem Tim gerecht werden zu können.

Besuch Vorort

Ganze ZWEI Einrichtungen gab es letztlich in einem riesigen Umkreis von ca 400km, die sich theoretisch nach Aktenlage in der Lage fühlten, Tim aufzunehmen. Die normale Prozedur ist anscheinend, dass das Kind direkt zum ersten Termin mit in die Einrichtung kommt zum gegenseitigen Kennenlernen. Das kam für uns jedoch überhaupt nicht in Frage. Ehe wir Tim irgendwelche Einrichtungen vorstellen, mussten wir uns doch selber erst einmal einen Überblick verschaffen, ob wir unseren geliebten Sohn dort mit guten Gewissen leben lassen können.

Glücklicherweise kam man unserem Wunsch nach. Die erste Einrichtung haben wir uns vor 2 Wochen angeschaut. Insgesamt machte sie einen positiven Eindruck auf uns, doch ein paar Zweifel waren da. So gibt es dort keine Intensivgruppen, sondern nur welche für ‚erhöhten Förderbedarf‘. Auf meine direkte Nachfrage beim Jugendamt, ob eine Einzelintegrationshilfe für Tim Vorort möglich wäre, wurde zwar recht positiv geantwortet, aber sicher ist es nicht. Außerdem hatten wir ein wenig Zweifel was Tims Alltag dort angeht, bzw. seine mögliche Freizeitgestaltung. Denn Schule geht bis 15.00, danach werden Hausaufgaben gemacht und dann ist es schon fast Abend. Eine strukturierte Freizeitgestaltung während der Woche gibt es nicht. Das stellte ich mir für unseren Tim sehr anstrengend und auch öde vor.

Die Wohngruppe selber machte allerdings einen sehr freundlichen und familiären Eindruck, doch der größte Pluspunkt dieser Einrichtung ist, dass sie nur etwa 30 Minuten von unserem Zuhause entfernt liegt! Zu weit für Tim, um es in einer Tagesgruppe stressfrei bewältigen zu können, doch nah genug um ihn wirklich regelmäßig zu besuchen und nach Hause zu holen.

Einen sicheren Platz gibt es in dieser Einrichtung übrigens nicht, allerdings würde sich Mitte Dezember entscheiden, ob ein Kind aus der Wohngruppe in die Tagesgruppe wechseln wird.

Wir verblieben mit der Einrichtung so, dass sie sich im Team noch einmal zusammensetzen würden, auch noch einmal mit Tims Therapeuten telefonieren würden, um dann zu entscheiden ob sie sich in der Lage fühlten Tim dort aufzunehmen. Falls man sich dafür entscheidet, würden wir dann zu einem weiteren TErmin gemeinsam mit Tim kommen.

Gemischt Gefühle

Wir führen mit gemischten Gefühlen nach Hause. Froh, eine Einrichtung gefunden zu haben die sich grundsätzlich vorstellen könnte (auf Basis von Tims Berichten) Tim dort aufzunehmen. Erleichtert, welch familiären Eindruck die Wohngruppe bei uns hinterlassen hat. Aber irgendwie doch ein wenig unsicher, was Tims Leben dort angeht.Tim soll ja schließlich nicht nur irgendwo unterbracht werden, wo man mit ihm zurechtkommt. Er soll dort auch wirklich leben können, glücklich sein können!

Also warteten wir gespannt auf den Termin in der zweiten Einrichtung, die erheblich größer und auch erheblich weiter weg von zu Hause ist.

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